Überlebenstraining Deutsche Bahn: Ein Geständnis in 5 Akten

Überlebenstraining Deutsche Bahn: Ein Geständnis in 5 Akten

Warum wir die Bahn hassen, sie trotzdem immer wieder buchen und wie man als Kakerlake des modernen Individualverkehrs überlebt. Ein satirischer Deep-Dive .


Kennen Sie dieses seltsame Gefühl? Sie stehen auf einem Bahnsteig in einer großen deutschen Bahnhofshalle. Der Zug ist gerade knirschend zum Stehen gekommen. Ein Prellbock signalisiert das physikalische Ende der Reise. Sie sind ausgestiegen, haben wieder festen Beton unter den Füßen – und dennoch schwankt Ihr Innenohr noch immer leicht von links nach rechts. Sie erwarten jeden Moment, dass der Boden unter Ihnen unmotiviert ruckelt.

Herzlichen Glückwunsch, Sie leiden am sogenannten "Phantom-Waggon-Effekt". Es dauert meistens zwanzig bis dreißig Minuten, bis Ihr vegetatives Nervensystem realisiert hat, dass Sie die Fahrt überlebt haben.


Jedes Jahr transportiert die Deutsche Bahn fast zwei Milliarden Fahrgäste. Zwei Milliarden Menschen, die sich freiwillig an einen Roulette-Tisch setzen, bei dem der Croupier eine rote Mütze trägt und die Spielregeln während des laufenden Kessel-Drehs ändert. In meinem neuen Buch "Odyssee auf Schienen" widme ich mich genau diesem Phänomen. Dieser Blogartikel ist ein kleiner, schmerzhafter Einblick in die Abgründe unserer kollektiven Pendler-Seele. Schnallen Sie sich an (sofern Ihr Sitzplatz existiert) – hier sind die fünf ungeschriebenen Gesetze des deutschen Schienenverkehrs.


Akt 1: Der Navigator der Verdammnis

Alles beginnt mit einer kleinen roten App auf unserem Smartphone. In einer idealen Welt wäre der "DB Navigator" ein neutrales Werkzeug. In unserer Realität ist er das moderne Äquivalent zum Orakel von Delphi – kryptisch, oft in Rätseln sprechend und meistens der Vorbote einer nahenden Katastrophe.

Wir alle kennen das "Pre-Boarding-Trauma". Sie sitzen beim Frühstück. Der Zug geht in drei Stunden. Alles in der App leuchtet in einer beruhigenden, dicken, grünen Farbe. Pünktlich. Doch als erfahrener Bahnfahrer wissen Sie: Grün ist eine Illusion. Grün bedeutet lediglich, dass die Server der Bahn aktuell noch keine Ahnung haben, in welchem brennenden Stellwerk dieser Zug gerade feststeckt.

Sobald Sie die Straßenbahn zum Bahnhof betreten, mutiert die grüne Linie zu einer leuchtend roten "+15". Fünfzehn Minuten. Das ist exakt die Menge an Zeit, die ausreicht, um Ihren Anschlusszug in Hannover von einer "entspannten Umsteigezeit" in ein lebensgefährliches Suizid-Kommando mit Rollkoffer quer durch die Unterführung zu verwandeln. Wir haben gelernt, rote Zahlen nicht mehr als persönliche Beleidigung zu sehen, sondern als Einladung des Universums, einfach mal nichts zu tun.


Akt 2: Die umgekehrte Wagenreihung (Der Tanz der Gnus)


Wenn Sie den Bahnhof erreicht haben und den mafiösen Tauben ausgewichen sind, die das Gleisbett regieren, wartet der erste physische Stresstest auf Sie. Die Anzeigetafel flackert und spuckt die vier apokalyptischen Worte aus: "Heute in umgekehrter Wagenreihung."

In diesem Moment fällt die dünne Kruste unserer gesellschaftlichen Normen in sich zusammen. Akademiker in Maßanzügen, friedliebende Rentnerinnen und hippe Start-up-Gründer verwandeln sich innerhalb von Sekunden in eine panische Gnu-Herde auf der Flucht vor einem Raubtier. Da wird geschubst, gerannt und taktiert. Der 15-Kilo-Hartschalenkoffer wird zur Waffe, der Regenschirm zum Speer. Wer ein 1.-Klasse-Ticket für Wagen 38 hat, der plötzlich nicht mehr am Ende, sondern ganz am Anfang des 400 Meter langen ICEs hält, kennt weder Freund noch Feind. Er rennt um sein Leben.

Und wenn Sie dann endlich völlig verschwitzt in Wagen 38 stehen, stellt sich heraus, dass Ihr reservierter Sitzplatz 44 überhaupt nicht existiert, weil ein Ersatzug der älteren Baureihe eingesetzt wurde. Willkommen im Großraumwagen, der gepolsterten Arena des Wahnsinns.


Akt 3: Thermodynamik und das Sanitär-Roulette

Haben Sie sich jemals gefragt, wer die Klimaanlagen im ICE programmiert? Es muss eine Entität mit einem sehr dunklen Sinn für Humor sein. An den ersten warmen Tagen im April, wenn das Thermometer zarte 22 Grad erreicht, treten diese Anlagen kollektiv in den Streik. Die Luft im Großraumwagen nimmt dann schnell die Dichte und den Feuchtigkeitsgehalt eines tropischen Regenwaldes an, riecht aber subtil nach kaltem Schweiß und dem Mettbrötchen Ihres Sitznachbarn.

Aber das ist nichts gegen das "Sanitär-Roulette". Bei einer Zuglänge von mehreren hundert Metern ist es ein statistisches Wunder, dass oft nur eine einzige Toilette funktioniert. Und diese befindet sich natürlich am exakt anderen Ende des Zuges. Sie pilgern dorthin, schwankend wie ein betrunkener Matrose im Sturm, nur um ein Schild vorzufinden: "Defekt. Wir bitten um Entschuldigung." Es ist genau in diesen Momenten, irgendwo zwischen Wanne-Eickel und Paderborn, in denen der Pendler beweist, dass er ein zähes, anpassungsfähiges Wesen ist. Wir sind die Kakerlaken des Individualverkehrs – unkaputtbar, flexibel und in der Lage, auch unter den widrigsten Bedingungen (notfalls durch den Verzehr extrem teurer Erdnüsse aus dem Bordbistro) zu überleben.


Akt 4: Der Schienenersatzverkehr (Outdoor-Survival für Anfänger)

Das absolute Fegefeuer des Bahnfahrens hat jedoch keine Schienen. Es hat Gummireifen. Drei Buchstaben lassen das Blut in unseren Adern gefrieren: SEV. Der Schienenersatzverkehr.

Wenn die Infrastruktur aufgibt – und sie gibt oft auf, denn das deutsche Baustellen-Paradoxon wird uns vermutlich noch bis weit ins nächste Jahrhundert begleiten –, werden Hunderte von ICE-Passagieren in klapprige Gelenkbusse aus den späten 90er Jahren gepfercht. Plötzlich sitzen Manager, die eben noch ein CO2-neutrales Klima-Gewissen pflegten, in einem röchelnden Dieselbus, der mit 40 km/h über Landstraßen schaukelt, während der Busfahrer (meistens heißt er Klaus und raucht Kette) den Weg zum nächsten Provinzbahnhof sucht.

Im SEV-Bus gibt es keine 1. Klasse. Es gibt nur das pure, destillierte Koffertetris im Mittelgang und die orthopädische Unmöglichkeit der "Vierer-Sitze", auf denen man unweigerlich Kniekontakt mit wildfremden Menschen aufnehmen muss. Es ist ein modernes Survival-Camp, das uns Demut lehrt.



Akt 5: Poesie am Mikrofon (Wenn der Zugchef aufgibt)

Warum also tun wir uns das an? Wie überstehen wir das? Die Antwort lautet: Stockholm-Syndrom und schwarzer Humor. Und niemand beherrscht Letzteren besser als das Zugpersonal der Deutschen Bahn.

Wenn der ICE auf freier Strecke steht, der Strom ausfällt und die Konzern-Guidelines völlig nutzlos geworden sind, greifen die wahren Helden zum Mikrofon. Wir alle kennen diese magischen Durchsagen, die den Frust augenblicklich in schallendes Gelächter verwandeln.

Ich denke da an die legendäre Durchsage eines völlig genervten Zugchefs in Frankfurt: "Meine Damen und Herren, wir verzögern uns um wenige Minuten aufgrund von amateurhaftem Verhalten beim Einstieg." Ein Satz, der wie ein Peitschenhieb der Wahrheit durch den Bahnhof hallte. Oder die resignierte Kapitulation irgendwo in Hessen: "Wir haben außerplanmäßig angehalten. Warum, weiß ich nicht. Der Lokführer weiß auch von nichts. Wir warten jetzt gemeinsam darauf, dass uns das Universum ein Zeichen gibt."

Diese Ansagen sind Balsam für die Seele. Sie beweisen uns, dass im Inneren dieses gigantischen, bürokratischen Molochs noch echte Menschen arbeiten. Menschen, die den Irrsinn genauso wenig begreifen wie wir, aber beschlossen haben, ihn lachend zu ertragen.


Fazit: Wem Ehre gebührt

Die Bahn zwingt uns zur Entschleunigung in einer Welt, die ansonsten auf Instant-Befriedigung gepolt ist. Wenn wir zwei Stunden in einem Regionalexpress auf ein freies Gleis warten, kann kein Chef von uns verlangen, produktiv zu sein – wir wissen ja nicht einmal, in welchem Bundesland wir uns gerade befinden. Es ist der letzte analoge Rückzugsort vor den Anforderungen des Alltags.


Zum Abschluss dieses Artikels möchte ich jedoch meinen tiefsten Dank an die wahren Überlebenshelfer des Pendler-Alltags aussprechen:


  • Den Ingenieuren von Noise-Cancelling-Kopfhörern: Ihr seid die Retter der Zivilisation. Ohne euch, die ihr brüllende Junggesellenabschiede auf Knopfdruck aus der eigenen Realität tilgt, wäre der Friedensnobelpreis wertlos.

  • Der Erfinderin der Powerbank: Du bist das Licht in unserer dunkelsten Stunde, wenn das rote Batterie-Symbol im Funkloch leuchtet.

  • Dem unbekannten Winzer in Südfrankreich: Dessen schwerer Rotwein mir an jenen Abenden Trost spendete, an denen ich den Versuch wagte, die Tarifstrukturen des "Super Sparpreis Europa" zu entschlüsseln.

  • Dem Social-Media-Praktikanten der Deutschen Bahn: Der Tag für Tag in den Schützengräben von Twitter und Instagram steht und die geballte Wut der Nation mit Engelsgeduld ("Hast du schon einen Fahrgastrechte-Antrag gestellt?") abwehrt.


Also, lassen Sie sich nicht unterkriegen. Bleiben Sie tapfer, buchen Sie immer einen Sitzplatz in Fahrtrichtung, und vergessen Sie niemals: Irgendwann kommt immer ein Zug. Meistens jedenfalls. Und wenn nicht, dann ist der Bahnhofsbäcker ja auch noch da.

(Auszug aus dem fiktiven Bestseller "Odyssee auf Schienen".)


Rechtlicher Hinweis (Bitte nicht verklagen): Wir leben in einer Welt, in der Kaffeebecher die Aufschrift "Vorsicht, heiß!" tragen müssen, damit sich niemand damit die Augenbrauen wäscht. Daher hier der offizielle Disclaimer: Dieser Blogbeitrag ist satirisch. Der Autor übernimmt keine Haftung für verpasste Anschlusszüge oder psychische Schäden, die durch das Lesen dieses Textes während einer mehrstündigen Verspätung entstehen könnten. Die Lektüre dieses Artikels beschleunigt Ihren Zug nicht. Sie verringert lediglich Ihren Blutdruck.

In diesem Artikel erwähnte Bücher

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