QuerZeile
Zwischen Bananen-Guillotine, Steckenpferd und Vorgarten-Flak
- Editorial: Zwischen Bananen-Guillotine, Steckenpferd und Vorgarten-Flak
- Wie uns Hochglanzmagazine in die kulinarische Schizophrenie treiben
- Die schlimmsten Hobbys der Welt: Hobby Horsing (Dressurreiten auf dem Besenstiel)
- TV Heute & Früher: DIE TÄGLICHE ENDLOS-DRÖHNUNG
- Die Bananen-Guillotine und der Rolli der Grauens: Der Bananenschneider
- LAMETTA AUF HALBMAST: Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind
- Liebe, Frust und Sachschaden: Die Ausgangslage – Warum wir hier sind und wo eigentlich der Notausgang ist
- Der Feind unter Ihrem Hintern: Evolution für Anfänger (Vom Jäger zum Sitzer)
Zwischen Bananen-Guillotine, Steckenpferd und Vorgarten-Flak
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
gestern versuchte ich, ein denkbar schlichtes Abendbrot zuzubereiten. Ein fataler Fehler: Aufgeschlagen auf der Küchenanrichte lag ein Lifestyle-Magazin, das mir mit dem heiligen Ernst einer UN-Resolution erklärte, wie man aus handverlesenen Chiasamen, Goji-Beeren und getrüffeltem Wildkräuterschaum eine spirituelle Zwischenmahlzeit zelebriert. Ich blickte auf meine schnöde Scheibe Graubrot, schielte hinüber zu einer absurden gelben Plastik-Bananen-Guillotine und wusste schlagartig: Die Menschheit ist irgendwo falsch abgebogen.
Genau an dieser Weggabelung schlägt die QuerZeile ihr Lager auf. In dieser Ausgabe widmen wir uns der geballten Pracht unseres täglichen Irrsinns: Wir beleuchten die kulinarische Schizophrenie moderner Hochglanzhefte, warnen vor Küchenhelfern, die eher an mittelalterliche Folterwerkzeuge erinnern, und entlarven den Bürostuhl als wahren Erzfeind der menschlichen Evolution. Wir schauen dem Deko-Wettrüsten in den Vorgärten zu – wo Flakscheinwerfer das verängstigte Christkind blenden –, reiten auf dem Besenstiel durch die Absurditäten der Freizeitkultur und suchen in der täglichen TV-Endlosdröhnung händeringend nach dem Notausgang.
Als rettende Lektüre gegen den Wahnsinn präsentiere ich Ihnen unser Werk der Woche: In „Lametta auf Halbmast“ sezieren wir das alljährliche familiäre Fegefeuer mit spitzer Feder und tröstender Selbstironie.
Lehnen Sie sich zurück, vergessen Sie für einen Moment den ergonomischen Feind unter Ihrem Hintern und blättern Sie vergnügt um.
Wie uns Hochglanzmagazine in die kulinarische Schizophrenie treiben
Kommen Sie herein, machen Sie es sich bequem. Ziehen Sie die Schuhe aus, schlüpfen Sie in die weite Jogginghose mit dem gnädigen Gummizug und schenken Sie sich ein großzügiges Glas Primitivo ein – oder diesen grasgrünen Matcha-Latte, falls Ihnen das momentan ein Gefühl von moralischer Überlegenheit verschafft. Ich sitze hier neben Ihnen, und wir müssen reden. Über ein Phänomen, das uns allen regelmäßig die letzten Reste unseres Verstandes raubt.
Wir widmen uns heute einem Print-Machwerk, das Sie garantiert schon einmal an der Supermarktkasse im Affekt in den Einkaufswagen geworfen haben. Sie wissen genau, wovon ich spreche. Diese bunt bebilderten, nach frisch gedruckter Verheißung duftenden Zeitschriften, die uns eine absurde Achterbahnfahrt der Emotionen aufzwingen. Auf Seite 14 lacht uns ein Triple-Chocolate-Fudge-Brownie mit flüssigem Karamellkern und Mascarpone-Topping an. Auf Seite 15 – buchstäblich einen Atemzug und ein Umblättern entfernt – prangt in fetten Lettern: „In drei Tagen zur Strandfigur! So schmilzt das Bauchfett mit der lauwarmen Zitronenwasser-Detox-Kur!“
Das, meine lieben Leidensgenossen, ist Papier gewordene kognitive Dissonanz. Es ist, als würde man Ihnen gleichzeitig einen flauschigen Sessel am Kamin anbieten und das Haus anzünden.
Die Anatomie des Wahnsinns
Warum tun wir uns das an? Nun, die Magazine wissen genau, wie sie unsere tiefsten Instinkte triggern. Sie präsentieren uns den Exzess und liefern die vermeintliche Absolution gleich mit. Man blättert durch die Seiten, der Speichelfluss wird durch hochaufgelöste Makroaufnahmen von geschmolzenem Käse auf epischen Lasagne-Türmen stimuliert.
Wissenschaftlich gesehen passiert in Ihrem Körper in diesem Moment Folgendes: Ihr Gehirn registriert die optische Kalorienbombe. Es schickt sofort ein Telegramm an Ihren Magen: „Achtung, Großbaustelle, wir brauchen Ghrelin!“ Dieses Hungerhormon flutet Ihr System, die Bauchspeicheldrüse macht sich schon mal warm und schüttet prophylaktisch Insulin aus. Sie sind im Völlerei-Modus. Sie sind bereit, ein ganzes Wildschwein zu erlegen oder zumindest den Bäcker leerzukaufen.
Plötzlich starrt Sie ein trauriges, feuchtes Salatblatt an. Dazu der mahnende Zeigefinger einer Dame in Leggings, die offenbar noch nie in ihrem Leben Kohlenhydrate degustiert hat. Ihr Gehirn tritt auf die Vollbremsung. Das Ghrelin kollidiert frontal mit einem massiven Ausstoß an Cortisol – dem Stresshormon. Ihr Körper denkt nun: „Oh Gott, Hungersnot! Wir müssen jedes verdammte Gramm Fett festhalten, das wir finden können!“ Die Physik und die Biologie haben sich erfolgreich gegen Sie verbündet.
📊 Die Tollaly-Studie Thema: Redaktionelle Folter und ihre Auswirkungen auf den Speiseplan.
Ergebnis: 98,4 % der Leserinnen und Leser, die eine Zeitschrift mit der Kombination aus Tortenrezepten und Diättipps kaufen, essen am Ende die Torte, während sie weinend das lauwarme Zitronenwasser trinken. Die restlichen 1,6 % haben die Zeitschrift nur wegen des Kreuzworträtsels gekauft und lügen.
Das Material-Wettrüsten in der Küche
Diese Publikationen sind Meister darin, uns das Gefühl zu vermitteln, unser Leben sei nur dann vollständig, wenn wir die richtige Ausrüstung besitzen. Und weil das Magazin uns ja zwei völlig konträre Lebensentwürfe aufzwingt, rüsten wir für beide Fronten auf.
Für das Rezept auf Seite 14 benötigen wir zwingend eine kupferne Rührmaschine, die preislich in der Liga eines soliden Gebrauchtwagens spielt. Dazu spezielle Spritztüllen, einen Flambierbrenner und eine Kastenform, die mit Meteoritenstaub beschichtet ist (damit der Teig nicht anhaftet, verstehen Sie?).
Für die Detox-Kur auf Seite 15 hingegen müssen wir einen Entsafter erwerben. Ein Gerät, das aussieht wie ein Miniatur-Atomreaktor, lauter ist als ein startender Düsenjet und aus drei Kilo frischem Sellerie, zwei Äpfeln und einer Rote Bete exakt drei Tropfen einer bräunlichen, nach Verzweiflung schmeckenden Flüssigkeit extrahiert. Die Reinigung dieses Geräts nimmt anschließend etwa drei Werktage in Anspruch.
Unsere Küchenarbeitsplatten mutieren zu einem bizarren Schmelztiegel der Gegensätze. Auf der linken Seite das Paradies des Zuckerscholesterins, auf der rechten Seite das Fegefeuer der Askese.
🧠 Der innere Ernährungs-Führer „Ganz ehrlich? Wenn du die Sahne für die Torte mit dem Schneebesen von Hand schlägst, verbrennst du bestimmt genug Kalorien, um das halbe Blech zu rechtfertigen. Außerdem besteht der Brownie aus Kakaobohnen. Bohnen sind Gemüse. Du machst im Grunde eine Gemüse-Kur!“

Wie uns Hochglanzmagazine in die kulinarische Schizophrenie treiben (Fortsetzung)
Wenn Sie glauben, dieser innere Konflikt ließe sich im Stillen austragen, dann haben Sie die Rechnung ohne Ihr soziales Umfeld gemacht. Die Umsetzung der zeitschrifteninduzierten Schizophrenie führt unweigerlich zum familiären Eklat.
Stellen Sie sich vor: Sie haben den Sonntagvormittag damit verbracht, die opulente Torte zu backen. Der Duft von geschmolzener Butter und reinem, unraffiniertem Glück zieht durch die Flure. Die Kinder wandeln wie Zombies aus ihren Zimmern, angelockt von der Verheißung. Selbst Ihr Partner, der sonst sonntags mit dem Sofa verwächst, zeigt plötzliche Vitalität.
Alle versammeln sich um den Tisch. Die Augen leuchten. Die Gabeln sind gezückt. Und dann kommen Sie.
Sie stellen die Torte in die Mitte, atmen tief durch und servieren sich selbst... einen Teller voll gedünstetem Kohl und ein Glas gefiltertes Wasser mit einem einsamen Minzblatt. Denn Sie haben ja Seite 15 gelesen. Sie wollen die Strandfigur. Im November.
Die Reaktionen oszillieren zwischen Mitleid und blankem Entsetzen. Ihr Partner schiebt sich ein Stück Torte in den Mund und versucht, die Geräusche des absoluten Genusses zu unterdrücken, um Sie nicht zu provozieren. Es ist eine Szenerie wie aus einem psychologischen Thriller. Sie sitzen da, kauen geräuschvoll auf einem Stück Raufasertapete – pardon, Kohl – herum und starren mit dem leeren Blick eines Serienkillers auf die Schokoladenkrümel am Mundwinkel Ihres Gegenübers.

Es ist der absolute Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation. Und es tut weh. Physisch und psychisch.
Die Amnesie: Warum wir es immer wieder tun
Man sollte meinen, dass ein vernunftbegabtes Wesen nach einer derartigen Erfahrung lernt. Dass man diese Zeitschriften fortan meidet wie ein laktoseintoleranter Mensch die Käserei. Aber hier kommt der faszinierendste Aspekt unseres Hobbys zum Vorschein: Die vollkommene, selektive Amnesie.
Es dauert exakt einen Monat. Der Schmerz der Kohlsuppe ist verblasst. Die Torte ist längst auf den Hüften eingelagert und von dort aus in den Status des stummen Vorwurfs übergegangen. Sie stehen wieder an der Supermarktkasse. Das Fließband ruckelt. Ihr Blick schweift ab.
Dort ist sie. Die neue Ausgabe.
Auf dem Cover? „Das ultimative Käsefondue für kalte Abende!“ Gleich daneben, in einem kleinen Sternchen: „Schlank im Schlaf – Wie Sie sich dünn träumen!“
Ihr Gehirn flüstert Ihnen zu: „Dieses Mal wird alles anders. Dieses Mal finden wir die Balance. Wir tauchen den Sellerie einfach ins Käsefondue!“
Und zack, liegt das Heft auf dem Band. Die Kassiererin scannt es mit diesem monotonen Piepton, der in Wahrheit der Startschuss für die nächste Runde Ihres persönlichen Wahnsinns ist.
Wissen Sie was? Lassen Sie es zu. Blättern Sie durch, sabbern Sie über die Backwaren und rollen Sie über die Diättipps mit den Augen. Essen Sie den Kuchen. Trinken Sie den Primitivo. Und wenn der Entsafter in der Ecke der Küche langsam Staub ansetzt, können Sie ihn immer noch wunderbar als extravaganten Buchstützen für Ihre stetig wachsende Sammlung an Zeitschriften nutzen.
Denn am Ende des Tages ist das Leben einfach viel zu kurz, um sich von einem Stück bedrucktem Papier vorschreiben zu lassen, dass man nach einem Stück Torte ein schlechtes Gewissen haben muss. Prost!
Hobby Horsing (Dressurreiten auf dem Besenstiel)
Ein Pferd ist, rein biologisch betrachtet, ein sechshundert Kilo schwerer Irrtum der Natur.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Majestätische Tiere, seidige Mähne, treuer Blick. Aber im Grunde seines Herzens ist ein echtes Reitpferd eine tickende Zeitbombe aus purer Hysterie. Sie investieren das Bruttoinlandsprodukt eines kleineren afrikanischen Zwergstaates in Sattelzeug, Kraftfutter und Tierarztvisiten – und dann reicht ein am Wegesrand flatterndes blaues Tempo-Taschentuch, damit das Vieh einen Satz von vier Metern nach links macht, Sie wie ein nasses Handtuch in ein Brombeergebüsch pfeffert und im vollen Galopp Richtung Horizont verschwindet. Pferdesportler nennen das „Charakter“. Orthopäden nennen es „Mehrfachfraktur des Schlüsselbeins“.
Dass der Mensch irgendwann nach einer Alternative suchte, leuchtet mir als bekennendem Nicht-Sportler vollkommen ein.
Was mir allerdings bis heute den Schlaf raubt, ist der Moment, in dem jemand aufstand, in die Besenkammer ging, den Stiel eines Schrubberkopfs abmontierte, eine gefüllte Plüschsocke dranschraubte und sagte: „So. Das reite ich jetzt ein. Aber mit vollem Ernst.“
Willkommen beim Hobby Horsing.
Und bevor Sie jetzt kichern, den Kopf schütteln und das Ganze als harmlose Spielplatzbeschäftigung für Achtjährige abhaken: Halten Sie den Rand und hören Sie mir genau zu. Das, was da draußen passiert, ist kein Kinderspiel. Das ist Hochleistungssport. Das ist bitterer Ernst. Das ist eine globale Bewegung, bei der Ihnen beim bloßen Zuschauen die Menisken leise Servus zurufen.
Der Ursprung dieses Wahnsinns liegt – wie so oft, wenn Menschen bei Kälte und Dunkelheit zu viel Zeit zum Nachdenken haben – in Finnland.
Um das Jahr 2002 herum saßen dort finnische Teenagerinnen in ihren Zimmern. Finnische Winter sind lang, dunkel und bestehen meteorologisch überwiegend aus gefrorenem Schweigen. Draußen trabte nichts. Reitunterricht mit echten Pferden war teuer, Ställe lagen meilenweit entfernt. Also begannen ein paar Mädchen, eigene Steckenpferde zu nähen – aber nicht diese klapprigen Holzdinger mit zwei Plastikrädchen am unteren Ende, die man aus bundesdeutschen Spielwarenkatalogen der Siebzigerjahre kennt. Nein: anatomisch maßstabsgetreue, handgefertigte Kunstwerke aus edlem Veloursstoff, gestopft mit Kunstfaser, mit handgeknüpften Garnmähnen, Ledertrensen, Gebissen und abnehmbarem Zügelwerk.
Sie organisierten sich in geheimen Internetforen. Sie trafen sich in Turnhallen und Waldlichtungen. Sie bauten einen Dachverband auf, der auf den herrlich zungenbrecherischen Namen Suomen Keppihevosharrastajat ry hört.
Richtig explodiert ist die Kiste dann 2017, als die finnische Regisseurin Selma Vilhunen einen Dokumentarfilm namens „Hobbyhorse Revolution“ in die Kinos brachte. Der Film wurde auf Festivals mit Preisen überhäuft, und plötzlich merkte die Weltöffentlichkeit: Die machen keine Witze. Die trainieren sechs Tage die Woche.
Heute pilgern Tausende zu den jährlichen finnischen Meisterschaften in Seinäjoki. Inzwischen gibt es auch den Deutschen Hobby Horsing Verband e.V. (DHHV), Landesmeisterschaften in Frankfurt und ein offizielles Regelwerk, das dicker ist als die Betriebsanleitung einer Waschmaschine.
Man unterscheidet im Wettkampf im Wesentlichen zwei Disziplinen, und beide verlangen vom menschlichen Verstand eine erhebliche Dosis Abstraktionsvermögen:
1. Die Dressur
Hier trabt der Athlet in ein klassisches Dressurviereck ein. Die Punktrichter sitzen an Tischen, tragen Brillen und blicken so streng drein, als müssten sie die Steuererklärung von Uli Hoeneß prüfen.
Der Sportler muss nun mit dem Stock zwischen den Schenkeln komplexe Bahnfiguren reiten: Volten, Traversalen, fliegende Galoppwechsel, versammelter Schritt. Dabei gelten gnadenlose Kriterien: Die Fußspitzen müssen gestreckt sein, der Oberkörper kerzengerade, das Genick des Reiters stolz aufgerichtet. Sie müssen gleichzeitig die Eleganz eines spanischen Hofreitschülers ausstrahlen und mit den eigenen Beinen die Illusion erzeugen, dass unter Ihrem Becken ein stolzer Hannoveraner-Wallach federt.
Das Problem an der Sache: Sie sind das Pferd und der Reiter in Personalunion.
Wenn Sie im Schaufenster eines Geschäfts eine Schaufensterpuppe sehen, die versucht, gleichzeitig den Reiter und die Hinterhand eines Gauls darzustellen, rufen Sie die Feuerwehr. Beim Hobby Horsing bekommen Sie dafür eine 8,5 in der B-Note.
Hobby Horsing (Dressurreiten auf dem Besenstiel) (Fortsetzung)
2. Das Springreiten
Das ist der Moment, an dem der Spott endgültig im Hals stecken bleibt.
Da steht ein Parcours aus bunten Stangen, Oxern und Mauern. Die Hindernisse sind nicht etwa kniehoch. Bei den Profis liegen die Latten auf 1,20 Meter, 1,30 Meter, teilweise über 1,40 Meter Höhe.
Hochwertige Hobby Horses für Sport & Spiel
Versuchen Sie mal, aus dem vollen Sprint über eine Stange zu springen, die Ihnen bis zur Brustwarze reicht – während Sie mit einer Hand einen Holzstock zwischen den Oberschenkeln fixieren müssen, ohne sich dabei das Schambein zu zertrümmern oder mit dem Pferdekopf an der Latte hängenzubleiben. Fällt die Stange, gibt es vier Fehlerpunkte. Verweigert der Reiter vor dem Hindernis, weil die biologische Vernunft kurzfristig die Kontrolle über den Bewegungsapparat zurückerobert, gibt es Punktabzug.
Die Mädels und Jungs, die das betreiben, haben Sprungkraft wie olympische Hochspringer und eine Rumpfstabilität, von der die gesamte deutsche Fußball-Nationalmannschaft nur träumen kann. Das ist athletisch betrachtet der absolute Wahnsinn.
Und trotzdem: Es bleibt dieser eine, unüberbrückbare visuelle Konflikt.
Sie können körperlich noch so austrainiert sein – für den unbedarften Beobachter auf der Parkbank sieht es nun mal so aus, als würde ein erwachsener Mitteleuropäer auf einem Besenstiel durch die Botanik galoppieren, während er leise schnaubt.
Dazu kommt die emotionale Bindung. Jedes dieser Steckenpferde hat einen Namen, eine Ahnentafel und eine eigene Persönlichkeit. Die heißen nicht „Stock 1“ oder „Besen Heinz“. Die heißen „Thunderstorm“, „Miracle Girl“ oder „Lord Voldemort“. Nach dem Wettkampf werden sie nicht einfach in die Ecke gepfeffert. Gott bewahre. Sie werden mit Miniatur-Wurzelbürsten gestriegelt, bekommen Fliegendecken übergeworfen und werden im eigens gebauten Holzstall im Kinderzimmer angebunden, wo ihnen eine aus Filz genähte Möhre in die Nüstern geschoben wird.
Ich habe neulich auf meiner Couch gesessen, eine Packung Toffifee geöffnet und mich gefragt: Wo ordne ich das ein?
Einerseits bewundere ich diese Leute zutiefst. Wenn ich versuchen würde, aus dem Stand über einen 1,20 Meter hohen Gartenzaun zu springen – selbst ohne Holzstange zwischen den Beinen –, würde man mich anschließend mit dem Rettungshubschrauber abtransportieren und meine Reste in Gips eingießen müssen. Ich schaffe es ja kaum, schmerzfrei aus der Badewanne zu steigen, wenn die Fliesen ein bisschen seifig sind.
Andererseits frage ich mich: Warum muss man das Ganze zwingend „Reiten“ nennen?
Wenn ich mir einen Toaster vor die Brust schnalle und auf allen vieren durchs Treppenhaus renne, nennt mich auch niemand einen Ferrari-Piloten. Da heißt es schlicht: „Der Hoppy dreht wieder am Rad, holt mal den Hausmeister.“
Aber vielleicht ist genau das die Rettung der Menschheit. Vielleicht ist das die Antwort auf eine Welt voller Krisen, Zinseszinsen und schlechter Laune: Einfach mal den Verstand an der Garderobe abgeben, sich ein Plüschtier zwischen die Knie klemmen und im Dreivierteltakt über die Parkbank hüpfen.
Ich mache das natürlich trotzdem nicht. Wenn ich mich bewege, verbrauche ich unnötig Sauerstoff, der auf der Welt ohnehin knapp wird. Ich bleibe lieber auf dem Sofa, kraule die Katze – die ist wenigstens echt und bewegt sich genauso ungern wie ich – und trinke einen Filterkaffee.
Bleiben Sie am Boden. Das Pferd beißt nicht, es splittert höchstens.
Hobby Horsing (Dressurreiten auf dem Besenstiel) (Fortsetzung)
Steckbrief für Lebensmüde
· Hobby: Hobby Horsing (Steckenpferd-Reiten)
· Ursprung: Finnland (ab ca. 2002 in der Szene gewachsen, ab 2017 durch den Film „Hobbyhorse Revolution“ weltbekannt).
· Verbände: Suomen Keppihevosharrastajat ry (Finnischer Dachverband), Deutscher Hobby Horsing Verband e.V. (DHHV).
· Wettkampfdisziplinen: Dressur (Hufschlagfiguren, Gangarten, Ausdruck), Springreiten (Zeitspringen, Stilspringen bis über 1,40 m Höhe), Geländeritt.
· Benötigte Ausrüstung: Handgenähtes Hobby Horse mit kurzer Holzstange, Trense, Zügel, Hallenturnschuhe, Reitkleidung (optional), enorm viel Sprungkraft und eine völlig schmerzfreie Schamgrenze.
· Gefahrenklasse: 3 von 5 (Gefahr von Bänderrissen, Schienbeinkanten-Syndrom, Hodenprellungen durch unglückliche Landungen und unheilbaren Lachkrämpfen bei Außenstehenden).
· Fazit der Couch: Hochleistungssport im Gewand der Selbstironie. Respekt vor der Kondition, aber ich bleibe beim Dressurliegen.
FRETTCHEN IN DER BUCHSE UND ANDERE STUMME SCHREIE NACH LIEBE: 50 HOBBYS, DIE BEWEISEN, DASS DIE MENSCHHEIT EINFACH ZU VIEL FREIZEIT HAT. EIN RATGEBER ZUR AKTIVEN COUCH-VERTEIDIGUNG
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ab 8,99 €DIE TÄGLICHE ENDLOS-DRÖHNUNG
Gute Zeiten, schlechte Zeiten vs. Lindenstraße & Dallas: Warum Mutter Beimers Spiegelei die Seele wärmte – und Jo Gerner gegen J.R. Ewing wie eine Packung Kinder-Schokolade wirkt
Es gibt im bundesdeutschen Vorabendprogramm ein biologisches Zeitfenster, in dem der gesunde Menschenverstand traditionell die Rollos herunterlässt und sich für fünfundvierzig Minuten tot stellt.
Es ist exakt neunzehn Uhr vierzig.
In Werne an der Lippe drückt die herbstliche Dämmerung gegen mein Wohnzimmerfenster. Draußen schiebt Nachbar Kowalski seine grüne Tonne mit jenem schleifenden Plastikgeräusch an die Bordsteinkante, das signalisiert: Der Tag ist gelaufen, das Abendbrot gegessen, jetzt hilft nur noch die Horizontale.
Ich sitze auf meiner Ottomane.
Neben mir ruht Kater Kasimir. Sechs Kilogramm gestreifte Skepsis im Smoking-Pelz. Die Pfoten unter die weiße Brust geklappt, die Augen zu zwei millimeterbreiten Schlitzen verengt. Er vibriert in jener tiefen, sonoren 50-Hertz-Frequenz, die den Blutdruck im Raum zuverlässig auf Normalnull drosselt.
Vor uns an der Wand leuchtet das 75-Zoll-Flachbild-Ungetüm.
Ich drücke auf die Fernbedienung. RTL.
Ein digitaler Paukenschlag, gefolgt von einem Beat, der klingt wie eine defekte Waschmaschine im Schleudergang. Auf dem Bildschirm fliegen bunte Grafiken, Gesichter mit gebleichten Zähnen strahlen um die Wette, und eine synthetische Popstimme trällert mir ins Trommelfell:
„Ich seh in dein Herz, sehe gute Zeiten, schlechte Zeiten...“
Kasimir öffnet das linke Auge. Nur einen winzigen Spalt. Seine Schnurrhaare zucken zweimal im Takt des Synthesizers. Es ist dieser eine Blick, der ohne Worte sagt: „Stephan. Wenn die Leute da drin gleich wieder anfangen zu heulen, ohne dass vorher Futter im Napf landet, kratze ich die Tapete hinter der Stehlampe ab.“
Ich kann den Kater verstehen. Wir sind Zeugen einer medialen Dauer-Havarie: GZSZ.
Über achttausend Folgen! Acht. Tausend. Folgen.
Lassen Sie sich diese Zahl auf der Zunge zergehen. Achttausend Folgen bedeuten: Seit dem 11. Mai 1992 – jenem Tag, an dem ein blutjunger Heiko Richter mit Föhnwelle das erste Mal durch ein Berliner Loft stolperte – sendet dieser Kanal ohne Unterlass dieselbe dramaturgische Endlosschleife aus Intrigen, Vaterschaftstests und gefälschten Bilanzen.
DIE TÄGLICHE ENDLOS-DRÖHNUNG (Fortsetzung)
TEIL 1: DIE GEGENWARTS-HAVARIE (Das Kolle-Kiez-Biotop)
Was mir aus dem modernen Flachbildschirm entgegenschwappt, ist kein Abbild der Bundesrepublik. Es ist ein hermetisch abgeriegeltes Paralleluniversum für Menschen mit zu viel Haargel.
Das Setting: der fiktive Kolle-Kiez in Berlin-Mitte.
Ein Stadtteil, in dem die Gesetze der bundesdeutschen Volkswirtschaft vollkommen außer Kraft gesetzt sind:
Niemand in diesem Kiez arbeitet jemals eine normale Schicht. Da gibt es keinen Schlosser von der Frühschicht, keinen Lagerarbeiter bei Amazon und keinen Finanzbeamten, der sich morgens um halb acht die Butterstulle aus der Tupperdose pult.
Nein! Im Kolle-Kiez sind alle entweder:
· Geschäftsführer einer Event-Agentur,
· international erfolgreiche Modedesignerinnen,
· Betreiber eines veganen Bio-Cafés,
· oder Partner in einer Großkanzlei, deren Bürofläche so groß ist wie der Hauptbahnhof von Hamm.
Alle wohnen in sanierten Altbau-Lofts mit Sichtmauerwerk, offenen Designer-Küchen und freistehenden Badewannen mitten im Schlafzimmer. Niemand zahlt jemals eine Heizkostenabrechnung. Wenn zwei Zwanzigjährige beschließen, zusammenzuziehen, mieten sie sich kein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer mit Schimmel an der Fensterlaibung – sie übernehmen für viertausend Euro warm ein Penthouse über den Dächern von Berlin und streiten sich am ersten Abend darüber, wer den lauwarmen Matcha-Latte im „Mauerwerk“ bezahlt hat.
Und über allem thront der Methusalem des deutschen Privatkanals: Dr. Dr. Hans-Joachim „Jo“ Gerner.
Gespielt von Wolfgang Bahro. Ein Mann, der seit 1993 im Maßanzug durch die Kulissen schleicht und mehr Schicksalsschläge überlebt hat als die gesamte Besatzung der Apollo-Missionen:
Jo Gerner wurde entführt. Er wurde angeschossen. Er saß unschuldig im Gefängnis. Er erlitt Schlaganfälle, Herzinfarkte und temporäre Erblindungen. Er wurde bei lebendigem Leibe auf einer Waldlichtung vergraben, schaufelte sich mit den eigenen Manschettenknöpfen wieder frei und stand am nächsten Morgen um neun Uhr pünktlich im Gerichtssaal, um eine feindliche Firmenübernahme einzutüten!
Gerner verzieht dabei keine Miene. Sein Gesichtsausdruck ist seit dreiunddreißig Jahren derselbe: Ein leichtes Heben der linken Augenbraue, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Krawatte auf den Millimeter zentriert. Wenn Gerner eine Intrige spinnt, starrt er drei Sekunden mit zusammengekniffenen Lippen aus dem bodentiefen Bürofenster, nippt an einem schweren Kristallglas und zischt mit gepresster Stimme: „Das wirst du mir büßen, Laura...“
Das Problem ist nur: Man nimmt es ihm nicht mehr ab.
Jo Gerner ist kein bösartiger Schurke. Jo Gerner ist die Karikatur eines Schurken. Er ist der böse Wolf im Puppentheater, der seit drei Jahrzehnten denselben Plastikknochen schwenkt, während die Teenager im Kiez alle vierzehn Tage die Partner tauschen, als handele es sich um Sammelbilder bei der Fußball-Weltmeisterschaft.
In genau diesem Moment schenkt sich Jo Gerner auf dem Bildschirm wieder einen goldbraunen Tropfen aus der Karaffe ein.
Das Kristallglas klirrt leise gegen das Holz des Schreibtischs.
Dieses eine, kurze Pling löst in meinem Großhirn einen Kurzschluss aus.
Ich blicke hinüber zu Kasimir. Der Kater hat den Kopf gehoben. Seine bernsteinfarbenen Augen fixieren das Kristallglas auf der Mattscheibe.
„Kasimir“, sage ich leise ins Wohnzimmer, „weißt du, wer morgens um viertel nach neun wirklich Bourbon aus geschliffenem Glas getrunken hat? Ohne schlechtes Gewissen und ohne veganen Haferkeks?“
Kasimir schnaubt einmal durch die Nüstern, schüttelt die linke Vorderpfote und rollt sich wieder ein. Sein Blick spricht Bände: „Stephan. Schalte das bunte Elend aus. Geh zurück in die Achtziger. Da wusste ein Fiesling wenigstens noch, wie man einen Hut trägt.“
Kasimir hat recht.
Blenden wir zurück. Dortmund, Heinrich-Böll-Gesamtschule, Mitte der Achtzigerjahre.
DIE TÄGLICHE ENDLOS-DRÖHNUNG (Fortsetzung)
TEIL 2: DER RÜCKSTURZ IN DIE RÖHRE (Die Ur-Giganten der 80er)
Wer wie ich 1973 geboren wurde, ist nicht mit glattgebügeltem Berliner Loft-Matsch aufgewachsen.
Wir wurden geprägt von zwei monströsen Pfeilern der Fernsehgeschichte, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – und die doch die beiden Herzkammern unserer gesamten Generation bildeten:
Auf der einen Seite das sonntägliche Graubrot der Nation: die Lindenstraße.
Auf der anderen Seite die texanische Hochglanz-Hölle am Dienstagabend: Dallas.
1. Die Lindenstraße (Start: 8. Dezember 1985)
Fangen wir am Sonntagabend an. Genauer gesagt: um achtzehn Uhr vierzig im Ersten.
Die Lindenstraße war kein Glamour. Die Lindenstraße war die unbarmherzige Verlängerung unseres eigenen Alltags auf sechsundzwanzig Zoll Bildschirmdiagonale.
Das Ritual in unserer Dortmunder Siedlungswohnung war heilig: Um kurz nach sechs hatte meine Mutter das Sonntagsgeschirr abgewaschen. Mein Vater saß im Feinripp-Unterhemd auf der Couch, die Westfälische Rundschau auf den Knien, und auf dem Fliesentisch stand eine Schale mit Salzstangen, flankiert von einer Kanne Caro-Kaffee.
Punkt 18:40 Uhr ertönte die Titelmusik:
Dieses schwermütige, schmetternde Trompetensolo von Jürgen Knieper, untermalt von Streichern, die klangen wie ein heraufziehender Novembersturm über dem Kamener Kreuz. Schon bei den ersten drei Takten wusste die gesamte Bundesrepublik: Hier wird heute nicht gelacht. Hier wird gelitten.
Und was bekamen wir zu sehen?
Wir sahen das Mietshaus in der Münchener Lindenstraße Nr. 3.
Da roch es förmlich durch das Holzfurnier unseres Nordmende-Fernsehers nach feuchtem Bohnerwachs, saurem Filterkaffee, kaltem Zigarettenqualm und dem Linoleum im Hausflur.
Mitten drin: Helga „Mutter“ Beimer (Marie-Luise Marjan).
Mutter Beimer war keine Event-Managerin. Mutter Beimer trug geblümte Schürzen aus reißfester Dederon-Faser, eine Dauerwelle von der Dichte eines Stahlwoll-Topfreinigers und kochte mit einer Ernsthaftigkeit, die an das bayerische Katastrophenschutzgesetz grenzte.
Das Leitmotiv der deutschen Fernsehgeschichte war kein teurer Champagner. Es war Mutter Beimers Spiegelei!
Wenn in der Familie Beimer das Unheil heraufzog – wenn Hansemann (Hans W. Geißendörfer) am Esstisch schwieg, Sohn Benny die Schule schwänzte oder Tochter Marion mit fragwürdigen Gestalten aus der Friedensbewegung anbandelte –, ging Helga nicht zum Therapeuten.
Sie ging an den Herd. Sie griff zur emaillierten Pfanne. Sie warf einen halben Esslöffel Sanella hinein, schlug zwei Eier auf und rief mit zittriger Mutterstimme durch die Küche:
„Hans! Kinder! Setzt euch doch erst mal hin. Ich mach uns schnell ein paar Spiegeleier. Mit 'ner Scheibe Graubrot. Dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus...“
Und ganz Deutschland litt mit! Wenn Mutter Beimer weinte – und sie weinte in gefühlt jeder dritten Folge, wobei ihr Kinn rhythmisch bebte wie ein Zementmischer im Leerlauf –, dann saßen zwischen Flensburg und Berchtesgaden fünfzehn Millionen Menschen vor den Röhrengeräten und schluckten trocken an ihrer eigenen Stulle.
Und im Treppenhaus? Die personifizierte Blockwart-Gefahr der Nachkriegszeit:
Else Kling (Annemarie Wendl).
Else Kling brauchte kein Überwachungssystem des Bundesnachrichtendienstes. Else hatte einen Feudel, einen verzinkten Blecheimer und ein Paar Filzpantoffeln.
Sie stand hinter der Türspion-Öffnung im zweiten Stock. Sie hörte jeden Schritt. Wenn jemand nach zweiundzwanzig Uhr die Haustür ins Schloss fallen ließ, ging die Tür auf, Else schob ihren bebrillten Schädel durch den Spalt, fixierte den Sünder mit dem Blick eines preußischen Scharfrichters und wetterte im schärfsten Münchner Dialekt:
„Da schau her! Der Herr Schildknecht! Mitten in der Nacht! Und die Kehrwoche hat er auch wieder net g’macht! Das schreib ich mir auf! Das meld ich der Hausverwaltung!“
Else Kling war die fleischgewordene deutsche Hausordnung. Sie war bösartig, engstirnig, neugierig – und absolut genial. Wenn Else durch den Hausflur schlurfte, wusste jeder Schüler an der Heinrich-Böll-Gesamtschule: Genauso eine Alte wohnt im Erdgeschoss an der Provinzialstraße.
Die Lindenstraße verhandelte reale, schmerzhafte Traumata: Da gab es den ersten Kuss zwischen zwei Männern im deutschen Vorabend (Carsten Flöter und Robert Engel, 1990 – ein Skandal, der damals Leserbrief-Lawinen auslöste!). Da gab es Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Sterbehilfe und den schleichenden Zerfall des Kleinbürgertums.
Das war kein Kiez aus der Retorte. Das war Deutschland im Rohbau.
DIE TÄGLICHE ENDLOS-DRÖHNUNG (Fortsetzung)
2. Dallas (Start in Deutschland: 30. Juni 1981)
Und dann – zwei Tage später. Dienstagabend. Einundzwanzig Uhr fünf.
Das Erste Deutsche Fernsehen schaltete um.
Vom nasskalten Münchener Treppenhaus direkt in die flirrende, staubige Gluthitze von Texas.
Die Fanfare ertönte:
Baaa-ba-ba-baaa-baa-baa!
Ein dreigeteilter Bildschirm. Wolkenkratzer aus Glas und Stahl, riesige Rinderherden, nickende Ölpumpen auf trockenem Lehmboden – und mitten drin die weiße Kolonnaden-Fassade der Southfork Ranch.
Die Bundesrepublik stand still. Straßenfeger-Niveau!
Über achtzehn Millionen Zuschauer versammelten sich vor den Röhren, um einer Familie beim gepflegten Sich-selbst-Zerfleischen zuzusehen: den Ewings.
An der Spitze des Bösen: John Ross „J.R.“ Ewing Jr. (Larry Hagman).
Man muss sich diesen Mann im direkten Vergleich zu Jo Gerner vor Augen führen:
Jo Gerner fälscht Testamente im Hinterzimmer. J.R. Ewing ruinierte Banken, Regierungen und ganze Öl-Kartelle vor dem zweiten Frühstück!
J.R. trug keinen schmalen italienischen Slim-Fit-Anzug. J.R. trug maßgeschneiderte Dreiteiler aus schwerem Wollstoff, handgefertigte Cowboystiefel aus Straußenleder und auf dem Kopf jenen gigantischen, silbergrauen Stetson-Hut, der ihm die Erhabenheit eines texanischen Raubritters verlieh.
Das Leitmotiv von Dallas war kein Spiegelei.
Es war der Bourbon aus der Glaskaraffe!
Egal zu welcher Tageszeit man die Southfork Ranch oder J.R.s Büro bei Ewing Oil betrat: Das Erste, was passierte, war der Griff zur Bar.
Es war neun Uhr fünfzehn morgens. Die texanische Sonne brannte mit vierzig Grad auf die Weiden. J.R. betrat das Büro, nickte seiner Sekretärin Sly zu, schlenderte mit wiegendem Cowboy-Schritt zum Mahagoni-Schränkchen, goss sich vier Fingerbreit unverdünnten Bourbon in ein geschliffenes Bleikristallglas, warf zwei Eiswürfel hinterher und grinste jenes bösartige, ölverklebte Haifischgrinsen in den Raum, bei dem selbst der Bergbau-Vorstand in Essen weiche Knie bekommen hätte.
Seine Gegner waren keine Influencer.
Sein Erzfeind war Cliff Barnes (Ken Kercheval). Der ewige, tragische Verlierer im zerknitterten Sakko, der sich nach jeder Niederlage gegen J.R. mit einer Schachtel Fast-Food-Hühnchen auf die Couch setzte und stumm in sein Schicksal weinte.
Und an J.R.s Seite: Sue Ellen (Linda Gray).
Die ehemalige Schönheitskönigin von Texas. Niemand in der Geschichte des internationalen Fernsehens konnte mit derart zitternder Unterlippe, tränenverschmiertem Mascara und einem leeren Whiskeyglas in der Hand an einer Flügeltür herabsinken wie Sue Ellen Ewing! Wenn J.R. sie wieder einmal mit einer seiner Affären gedemütigt hatte, zischte er ihr nur eiskalt zu: „Trink deinen Schluck aus, Sue Ellen, und mach dich nicht lächerlich.“
Und wer erinnert sich nicht an den weltweiten Schock vom 21. November 1980?
Die Folge: „Wer schoss auf J.R.?“ (Who Shot J.R.?).
Monatelang stand die westliche Welt am Abgrund der Ungewissheit. Wettbüros in London machten Millionen-Umsätze. Staatsmänner wurden auf Pressekonferenzen gefragt, wer den Abzug gedrückt hatte. Als die Folge in Deutschland über den Äther flimmerte (mit Verspätung 1981), saß ganz Dortmund-Lütgendortmund wie versteinert vor der Röhre. Niemand ging ans Telefon. Niemand ging aufs Klo.
Und der absolute Höhepunkt der Drehbuch-Chuzpe: Die Dusch-Szene von 1986.
Bobby Ewing (Patrick Duffy) war eine ganze Staffel lang mausetot. Beerdigt, beweint, betrauert.
Und wie lösten die Autoren das Problem, als Duffy wieder mitspielen wollte?
Pamela Ewing wacht morgens auf, hört das Wasser im Badezimmer plätschern, schiebt die Glastür beiseite – und da steht Bobby, seift sich quietschfidel den Astralkörper ein, dreht sich um, lächelt sein strahlendstes Zahnpasta-Lächeln und sagt: „Guten Morgen, Schatz.“
Ein ganzes Jahr Serienhandlung – einunddreißig Folgen voller Intrigen, Tode und Firmenpleiten – wurde mit einem einzigen Duschgel-Vorgang als schlechter Traum weggespült!
Das Publikum hat nicht abgeschaltet. Wir haben es gefressen! Weil es Dallas war. Weil man den Ewings alles verzieh, solange das Öl floss und J.R. am Ende lachte.
DIE TÄGLICHE ENDLOS-DRÖHNUNG (Fortsetzung)
TEIL 3: HOPPYS BEFUND & KASIMIRS URTEIL
Ich drehe mich auf der Ottomane um.
Auf dem Bildschirm ist Gute Zeiten, schlechte Zeiten mittlerweile beim Werbeblock angekommen. Ein junger Mann im engen T-Shirt erklärt mir, dass man mit einer Krypto-App in drei Wochen zum Millionär wird, während im Hintergrund ein Smoothie-Mixer dröhnt.
Ich sehe hinüber zu Kasimir.
„Kasimir“, sage ich mit dem tiefen Ernst eines Mannes, der fünfzig Jahre TV-Geschichte in den Knochen trägt, „was haben wir eigentlich verbrochen, dass man uns heute diesen Weichspüler-Kram vorsetzt?
Guck dir doch mal Jo Gerner an: Der Mann soll ein Superschurke sein. Aber der nippt an stillem Wasser, wohnt in einem Loft ohne Gardinen und regt sich darüber auf, dass jemand im Kiez ein Plakat falsch aufgehängt hat!
Wenn J.R. Ewing morgens aufstand, hat der vor dem Zähneputzen drei Banken in Houston liquidiert, Cliff Barnes die Freundin ausgespannt und seiner Frau erklärt, dass sie den Verstand verliert. Das war handwerkliche Bösartigkeit mit Substanz!
Und wenn Mutter Beimer sonntags den Holzlöffel hob, dann wusste ganz Werne: Jetzt brennt der Baum. Da ging es um Leben und Tod, um die Familie und um die Frage, ob man die Miete für den nächsten Monat zusammenkratzen kann. Bei GZSZ streiten die sich seit zwanzig Folgen darum, wer die Catering-Rechte für die Neueröffnung einer Mode-Boutique kriegt!“
In genau diesem Moment richtet sich Kater Kasimir auf.
Er gähnt nicht. Er streckt die Vorderläufe nach vorn, macht einen majestätischen Buckel, sodass sein Smoking-Fell wie eine Bürste aufsteht, und setzt sich kerzengerade auf meine Oberschenkel.
Sein Blick wandert von der Werbeeinblendung auf der Mattscheibe hinab zu meiner zuckenden Fernbedienungs-Hand.
Seine Schnurrhaare stehen starr im 45-Grad-Winkel. Es ist dieser eine, unverrückbare Blick, der ohne Worte sagt:
„Stephan. Eine Serie, in der niemand nach Zwiebeln riecht und kein Mensch ein Stück Rindfleisch auf den Tisch stellt, ist Zeitverschwendung für jedes vernunftbegabte Raubtier.
In der Lindenstraße gab es wenigstens Hauskatzen im Hof, die von Frau Kling mit Fleischwurst gefüttert wurden. Und auf dieser texanischen Ranch roch es durch das Holzgehäuse nach Rinderweide und Leder. Bei diesem Berliner Krawall-Zirkus riecht es nur nach Haarspray und schlechtem Kaffee.
Drück auf den roten Knopf. Mach das Elend aus. Und dann gehst du in die Küche, holst die Pfanne und machst mir ein Spiegelei wie Mutter Beimer – aber ohne Salz und mit 'nem Schuss Dosenmilch.“
Ich nicke ihm stumm zu.
Ich drücke auf die Ausschalttaste.
Klack.
Der 75-Zoll-Bildschirm wird schwarz. Das Loft in Berlin-Mitte erlischt. Jo Gerner verstummt.
Im Wohnzimmer bleibt nur das leise Rauschen des Regens gegen die Fensterscheiben und das tiefe, gleichmäßige Schnurren meines Katers.
Manchmal ist der beste Moment einer Soap eben doch der, wenn der Abspann vorbei ist.
Und die Pfanne heiß wird.
Der Bananenschneider
Die Daten und das Werbeversprechen
Wenn zukünftige Archäologen in dreitausend Jahren unsere Mülldeponien ausgraben, werden sie bei diesem Artefakt vermutlich an ein primitives Folterinstrument für Kleintiere glauben. Der Bananenschneider ist ein knallgelbes Stück Spritzgussplastik in Form einer krummen Südfrucht. Im Inneren dieses Rahmens verlaufen siebzehn parallele Plastikstege.
Das US Patent aus dem Jahr 2011 beschreibt die Erfindung als revolutionäres Werkzeug zur raschen und gleichmäßigen Portionierung weicher Früchte. Das Werbeversprechen auf der Blisterverpackung brüllt den Käufer in bunten Lettern an und verspricht achtzehn perfekte Scheiben in weniger als einer Sekunde. Ein absolutes Muss für jedes Müsli und den perfekten Obstsalat.
Man muss sich diesen intellektuellen Offenbarungseid einmal auf der Zunge zergehen lassen. Die Industrie hat ein Schnittwerkzeug für eine Frucht erfunden, die so weich ist, dass man sie im Zweifelsfall mit einem harten Blick, einem Stück dickerer Pappe oder dem eigenen Daumennagel zerteilen könnte. Aber nein, der Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts benötigt ein gelbes Gitterwerk für neun Euro neunundneunzig.
Der Bananenschneider - Ja es gibt in Wirklich !
Dieser Bananenschneider beschleunigt das Schneiden von Obst und Gemüse und bringt Abwechslung in Ihre tägliche Küchenroutine.
Der Hoppy Selbstversuch
Es war ein regnerischer Dienstagmorgen in Werne an der Lippe. Meine Resopalarbeitsplatte war frisch abgewischt. Die Kaffeemaschine röchelte friedlich vor sich hin, und ich fühlte mich bereit für ein gesundes Frühstück. Ich legte den Bananenschneider auf mein massives Stirnholzbrett. Das gelbe Plastik leuchtete so aggressiv, dass man unwillkürlich die Augen zusammenkneifen musste.
Das erste fundamentale Problem offenbarte sich bereits bei der Auswahl der Munition. Wer einen starren Bananenschneider aus Hartplastik kauft, geht naiverweise davon aus, dass Mutter Natur ihre Früchte nach der DIN Norm für Krümmungswinkel produziert. Das tut sie nicht. Ich hatte am Vortag im örtlichen Supermarkt geschlagene zehn Minuten vor der Obstauslage gestanden und Bananen an das gelbe Schablonengitter gehalten, um ein kompatibles Exemplar zu finden. Die Blicke der anderen Kunden schwankten zwischen tiefem Mitleid und dem stummen Wunsch, den Filialleiter zu rufen.
Nun lag sie da. Die Banane. Geschält, nackt und wehrlos.
Ich nahm den Bananenschneider in die rechte Hand, positionierte ihn exakt über der Frucht und drückte nach unten.
Die Physik ist eine unbarmherzige Geliebte. Eine Banane besitzt eine weiche, feuchte Oberfläche. Das Hartplastik des Schneiders hingegen besitzt keine scharfen Klingen, sondern lediglich stumpfe Stege. Wenn man nun stumpfes Plastik mit Kraft auf feuchtes Obst presst, schneidet man nicht. Man quetscht. Man erzeugt einen gewaltigen hydrostatischen Druck im Inneren der Frucht, bis das Zellgewebe kapituliert.
Mit einem schmatzenden Geräusch, das an einen Gummistiefel im tiefen Moor erinnerte, gab die Banane nach. Sie wurde nicht in achtzehn perfekte Scheiben geteilt. Sie explodierte förmlich durch die Zwischenräume nach oben. Eine zähe, beige Masse quoll zwischen den siebzehn Plastikstegen hervor und legte sich wie Bauschaum über das gelbe Gitter. Als ich den Schneider wieder anheben wollte, um meine angeblich perfekten Scheiben in die Müslischale zu befördern, geschah das Unvermeidliche. Durch das Vakuum des Matsches hob ich die Banane mitsamt dem Stirnholzbrett um einen halben Zentimeter an, bevor sich die Konstruktion löste und als formloser Breiklumpen auf die Resopalplatte klatschte.
Mein Müsli war ruiniert. Mein Schneidebrett war ruiniert. Und ich besaß nun ein gelbes Plastikwerkzeug, das aussah, als hätte man es durch den Magen eines sehr kranken Pflanzenfressers gezogen.
Das Fegefeuer am Spülbecken
Die wahre Bösartigkeit dieses Geräts offenbarte sich jedoch erst zehn Minuten später an der Edelstahlspüle.
Bananenbrei besitzt die fatale Eigenschaft, an der Luft innerhalb kürzester Zeit die strukturelle Integrität von Schnellzement anzunehmen. Ich ließ heißes Wasser über das Plastikgitter laufen. Das Wasser perlte an dem klebrigen Brei einfach ab. Ich griff zu meinem bewährten Spülschwamm mit der rauen grünen Seite und begann zu rubbeln.
Erinnern Sie sich an die siebzehn Plastikstege? Diese Stege liegen exakt so eng beieinander, dass kein menschlicher Finger und kein handelsüblicher Spülschwamm jemals den Grund dieser Schlitze erreichen kann. Beim ersten kräftigen Wischen riss der Schwamm in zwei Teile. Beim zweiten Versuch mit der Spülbürste verklebten die Borsten augenblicklich zu einem beigen Pinsel, den man nur noch im Hausmüll bestatten konnte. Ich stand eine viertel Stunde lang in meiner Küche und kratzte mit einem Schaschlikspieß aus Holz winzige, klebrige Bananenreste aus siebzehn Plastikritzen. Für eine Frucht, die ich mit einem normalen Küchenmesser in vier Sekunden in makellose Scheiben geschnitten hätte.
Das Urteil von Kater Kasimir
Während ich fluchend mit dem Schaschlikspieß hantierte, spürte ich den vertrauten, kalten Blick im Nacken. Kater Kasimir saß auf dem Küchenstuhl. Er hatte den gesamten Vorgang von der Schablonenanprobe bis zur Schwammzerstörung mit jener eisigen Stille verfolgt, die sonst nur Raubtiere kurz vor dem finalen Tötungsbiss an den Tag legen.
Er streckte langsam den Kopf nach vorne, schnupperte kurz aus sicherer Entfernung an dem klebrigen gelben Gitter auf der Abtropffläche und nieste dann einmal leise, aber voller Verachtung in Richtung des Spülbeckens.
Es war ein Niesen, das ganze Bibliotheken füllen könnte. Es sagte unmissverständlich, dass ein Tier, welches in freier Wildbahn Mäuse mit bloßen Krallen zerlegt, für die technologischen Irrwege seines Dosenöffners nur noch bodenloses Mitleid empfindet. Kasimir drehte mir den Rücken zu, sprang federnd vom Stuhl und ging ins Wohnzimmer, um sich auf dem frisch gesaugten Teppich ausgiebig das Fell zu lecken. Eine weitaus hygienischere Angelegenheit als mein Spülbecken.
Der Bananenschneider wanderte noch am selben Vormittag in den grauen Umzugskarton im Waschkeller, direkt neben das alte Fonduebesteck. Dort liegt er nun im Dunkeln und wartet auf Archäologen, die ihn hoffentlich niemals finden werden.
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind
Man muss der Wahrheit ins Auge sehen: Der November ist der Blinddarm des Kalenderjahres. Niemand braucht ihn, niemand will ihn, aber er ist nun mal da, und wenn man nicht aufpasst, entzündet er sich.
Im Ruhrgebiet ist der November kein meteorologischer Zustand, sondern eine kollektive Depression in fünfzig verschiedenen Grautönen. Der Himmel hängt so tief über den Zechensiedlungen, dass man das Gefühl hat, man könnte sich den Kopf an einer Wolke stoßen, wenn man auf Zehenspitzen eine Mülltonne an die Straße rollt. Es regnet nicht richtig, es nieselt nur. Eine permanente, feindselige Feuchtigkeit, die sich wie kalter Spucke-Nebel auf Brillengläser legt und den Gehweg in eine Mischung aus schmierigem Laub, Nacktschnecken-Rückständen und existenziellem Weltschmerz verwandelt.
In dieser Phase des Jahres zieht sich der vernunftbegabte Mitteleuropäer für gewöhnlich in seine Höhle zurück. Man macht die Heizung an, zieht zwei Paar Wollsocken übereinander, kocht sich einen Filterkaffee, der schwarz genug ist, um darin das eigene Seelenheil zu ertränken, und starrt apathisch auf die Raufasertapete, bis der Frühling kommt.
So könnte es sein. Es wäre ein friedlicher, würdevoller Verfall.
Aber dann kommt der Samstag vor dem Totensonntag. Und mit ihm erwacht eine Spezies Mensch aus dem Sommerschlaf, gegen die selbst die apokalyptischen Reiter wie eine Gruppe leicht verunsicherter Pfadfinder wirken: der deutsche Vorstadt-Heimwerker im Beleuchtungswahn.
Weihnachtsdeko die man auf jeden Fall braucht - wenn man es möchte
Es begann an einem Samstagnachmittag gegen halb vier. Es dämmerte bereits – im November dämmert es gefühlt ab zwölf Uhr mittags –, und ich stand mit einer Tasse Kaffee am Küchenfenster. Ich mag diesen Ausblick. Er beruhigt mich. Vor mir liegt unsere Sackgasse: hübsche Reihenhäuser, akkurat geschnittene Kirschlorbeerhecken, Carports aus kesseldruckimprägniertem Nadelholz und Vorgärten, die zu achtzig Prozent aus anthrazitfarbenem Schotter bestehen, weil die moderne Mittelklasse jegliche Form von lebendiger Natur als persönliche Beleidigung empfindet.
Direkt gegenüber wohnt Ingo.
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind (Fortsetzung)
Ingo ist ein Mann, dessen gesamtes Wesen auf der unerschütterlichen Überzeugung fußt, dass es für jedes Problem der Menschheit eine Lösung im Baumarkt gibt, vorzugsweise in Gang 14 (Eisenwaren) oder Gang 22 (Elektro-Großgeräte). Ingo trägt auch bei minus vier Grad eine gesteppte Weste ohne Ärmel, damit man seine muskulösen Unterarme sieht, die von jahrzehntelangem Rasenkantenschneiden gestählt sind. An seiner Hüfte baumelt immer ein Maßband. Nicht, weil er ständig etwas messen müsste, sondern als Statement. Als Drohung an den Raum.
An diesem Nachmittag stand Ingo nicht am Grill. Er stand auf einer dreiteiligen Aluminium-Multifunktionsleiter, die er mit zwei Spanngurten an seiner eigenen Dachrinne festgezurrt hatte.
Ich nahm einen Schluck Kaffee und beobachtete ihn. Ingo hielt eine schwarze Kiste in der Hand, aus der meterlange grüne Kabel quollen wie die Gedärme eines erlegten Reptils. Neben ihm auf dem Schotterbett kniete seine Frau Birgit. Birgit hielt eine Großpackung Kabelbinder bereit und reichte sie ihm mit der stoischen Ernsthaftigkeit einer OP-Schwester an, die gerade einem Chefarzt bei einer offenen Herz-Operation am lebenden Subjekt assistiert.
„Kabelbinder, Ingo?“, rief Birgit durch den Nieselregen.
Weihnachtsdeko die man auf jeden Fall braucht - wenn man es möchte
„Nein!“, bellte Ingo von der Sprosse herab. „Die UV-beständigen! Dreihundert Millimeter! Wir haben Windlastzone zwei, Birgit! Willst du, dass der Komet bei Windstärke vier in die Thujahecke absegelt?!“
Ich trat einen Schritt näher an die Scheibe. Mein Kaffeedampf beschlug das Glas. Ich wischte mit dem Ärmel drüber.
Da lag er. Auf Ingos Rasenstück. Ein Komet. Aus weißem Drahtgeflecht, umwickelt mit hunderten winzigen Leuchtdioden. Ein Himmelskörper von epischen Ausmaßen. Wenn dieser Komet maßstabsgetreu gewesen wäre, hätte er damals die Dinosaurier nicht nur ausgerottet, sondern sie vorher noch gebraten und mit Kräuterbutter serviert.
Ingo zurrte den Kometen an den Giebel. Er stieg herab, wischte sich die Hände an der Arbeitslatzhose ab, ging drei Schritte rückwärts auf die Straße, verschränkte die muskelbepackten Arme und rief: „Birgit! Saft!“
Birgit steckte den Stecker in die Außensteckdose.
Klick.
Es war kein normales Licht. Es war kein sanftes, warmweißes Glühen, wie man es mit Kerzenschein, Gemütlichkeit und dem Fest der Liebe assoziieren würde. Es war kaltweiß. Ein Licht von einer so aggressiven, sterilen Grausamkeit, dass es vermutlich die Netzhaut von Labormäusen auf drei Kilometer Entfernung auflösen könnte. Ein Licht, wie es sonst nur von Zahnärzten verwendet wird, wenn sie nach abgebrochenen Wurzelkanälen suchen, oder von der Küstenwache, wenn sie Schmugglerschiffe auf der Ostsee aufbringt.
Der Komet zuckte kurz, dann strahlte er mit der Wucht von geschätzten zwölftausend Lumen in die Novembernacht.
Der Vorgarten von Familie Schneider existierte nicht mehr als Teil des Ruhrgebiets. Er war jetzt ein OP-Saal unter freiem Himmel. Jedes einzelne Schotterkörnchen warf einen messerscharfen, pechschwarzen Schatten. Die feuchten Pflastersteine funkelten wie Diamanten unter einem Flakscheinwerfer. Drüben auf dem Dach von Hausnummer 14 schreckte eine Taube aus dem Schlaf auf, blickte verwirrt in die künstliche Supernova, hielt es vermutlich für den jüngsten Tag und stürzte vor Schreck rückwärts in die Zinkrinne.
Ingo nickte zufrieden. Er stemmte die Hände in die Hüften. „Siehst du, Birgit?“, schallte seine Stimme über die Straße. „Präsenz. Man muss in der Straße Präsenz zeigen.“
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind (Fortsetzung)
Ich stand im Dunkeln meiner Küche. Ich sah auf meinen eigenen Vorgarten hinab.
Dort stand nichts. Gar nichts. Außer einer Mülltonne mit braunem Deckel und einem einsamen, verkrüppelten Buchsbaum, der vor drei Jahren dem Buchsbaumzünsler zum Opfer gefallen war und seitdem wie ein vertrockneter Brokkoli in der Landschaft herumvegetierte.
Und in diesem Moment passierte es. Tief in meinem Unterbewusstsein meldete sich eine Stimme. Eine finstere, archaische Stimme, die irgendwo aus den Tiefen des Stammhirns heraufkroch: Das kannst du dir nicht bieten lassen.
Hier müssen wir kurz innehalten. Wir müssen den Schauplatz der Vorstadt verlassen und uns ins Paris des 18. Jahrhunderts begeben. Genauer gesagt ins Jahr 1769.
Weihnachtsdeko die man auf jeden Fall braucht - wenn man es möchte
In diesem Jahr saß der französische Philosoph Denis Diderot – ein brillanter Kopf, Mitbegründer der berühmten Encyclopédie und ansonsten chronisch pleite – in seinem Arbeitszimmer und verfasste einen Essay mit dem wunderbaren Titel: „Regrets sur ma vieille robe de chambre“ – Bedauern über meinen alten Schlafrock.
Was war geschehen? Eine wohlhabende Gönnerin hatte Diderot einen neuen, wunderschönen, scharlachroten Morgenmantel geschenkt. Aus edler Seide. Ein Meisterwerk der Schneiderkunst. Diderot zog den Mantel an und war begeistert. Er fühlte sich wie ein König.
Doch dann begannen die Probleme.
Diderot setzte sich in seinem prachtvollen neuen Mantel an seinen alten Schreibtisch. Und plötzlich fiel ihm auf: Der Tisch war schäbig. Das Holz war zerkratzt, die Ecken waren abgestoßen. Der Tisch passte nicht zu diesem imperialen Gewand. Also kaufte sich Diderot einen neuen, teuren Schreibtisch aus edlem Mahagoni.
Nun saß er am neuen Schreibtisch, trug den neuen Mantel – und sah auf den Boden. Der alte Teppich! Ein zerschlissener Fetzen aus Wolle. Unwürdig! Also kaufte er einen teuren Wandteppich aus Flandern. Dann passten die Stühle nicht mehr. Die Bilder an den Wänden wirkten armselig. Die Regale sahen aus wie Sperrmüll. Am Ende hatte Diderot sein gesamtes Arbeitszimmer komplett renoviert, war hochgradig verschuldet und saß todunglücklich in einem sterilen Palast, während er seinem alten, gemütlichen, fleckigen Schlafrock hinterherweinte.
Der kanadische Anthropologe Grant McCracken taufte dieses soziologische Verhaltensmuster 1988 den Diderot-Effekt: Die Anschaffung eines einzigen, neuen, statusgeladenen Objekts stört das harmonische Gleichgewicht eines bestehenden Systems. Sie erzeugt einen Zwang zur Aufwertung der gesamten Umwelt. Man kann nicht bei einem Gegenstand stehen bleiben. Ein Ding verlangt nach dem nächsten. Eine Kette des Konsumwahns wird in Gang gesetzt, die erst endet, wenn entweder das Konto leer oder der Betroffene in die geschlossene Abteilung eingeliefert wird.
Und genau dieser Diderot-Effekt saß an jenem Samstagabend mit mir am Küchentisch. Er trug keine französische Seide, sondern eine Strickmütze, klopfte mir auf die Schulter und flüsterte: „Guck dir Ingos Kometen an. Du bist ein Versager. Hol die Kabeltrommel.“
Am Montagmorgen um acht Uhr zweiunddreißig stand ich auf dem Parkplatz des Baumarkts meines Vertrauens. Ein riesiger Hangar aus Wellblech und gelber Fassadenfarbe, der den Geruch von frischem Fichtenholz, Imprägniermitteln und der stillen Verzweiflung deutscher Ehemänner verströmte.
In der Vorweihnachtszeit ist ein Baumarkt kein Verkaufsraum. Es ist ein Kriegsgebiet.
Vor der Schiebetür stand bereits eine Gruppe älterer Herren in Anoraks, die mit den Hufen scharrten wie Rennpferde vor dem Start beim Großen Preis von Iffezheim. Als die Lichtschranke summte und die Türen aufglitten, gab es kein Halten mehr. Man schob sich gegenseitig die Einkaufswagen in die Hacken. Ein kollektiver Blutrausch im Schritttempo.
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind (Fortsetzung)
Mein Ziel war Gang 18: Saisonartikel / Lichterwelten.
Was die Industrie dort aufbaut, spottet jeder Beschreibung. Es gibt keine einfachen Lichterketten mehr. Wer heute eine schlichte Kette mit zwanzig Glühbirnchen sucht, die warmes Licht abgeben und leise vor sich hin summen, wird von den Verkäufern angesehen wie ein Höhlenmensch, der versucht, ein Mammutfell gegen eine Mikrowelle einzutauschen.
Heute kauft man „Licht-Konzepte“.
Ich stand vor einer Regalwand, die bis unter das Hallendach mit Kartons gefüllt war. Da gab es Lichterketten mit 500, 1.000, 2.500 LEDs. Es gab Ketten, die man mit dem heimischen WLAN verbinden konnte. Ketten mit App-Steuerung, programmierbar auf 16 Millionen Farben, mit Sound-Reaktivität – für den Fall, dass man möchte, dass die Dachrinne im Takt von Helene Fischer rhythmisch in Magenta und Giftgrün aufblitzt.
Weihnachtsdeko die man auf jeden Fall braucht - wenn man es möchte
Ich wollte eigentlich nur ein bisschen Gemütlichkeit. Eine kleine Geste. Ein Zeichen an die Nachbarschaft: Hier wohnt jemand, der nicht völlig verwahrlost ist.
Ich griff nach einer Schachtel. „Micro-LED-Cluster, 1.200 Dioden, Warmweiß mit Funkfernbedienung.“
Und dann schlug Diderot zu.
Ich sah die Schachtel an. Dann sah ich auf das Nachbarregal. Dort stand ein Rentier. Nicht aus Draht. Aus gegossenem Acrylglas. Lebensgroß. Es hatte den Kopf leicht schräg gelegt, als würde es sich fragen, warum der Mensch, der es erschaffen hat, nicht rechtzeitig medikamentös eingestellt wurde. Im Bauch des Rentiers befanden sich laut Verpackung 480 Hochleistungs-LEDs mit „Flash-Effekt“.
Ich dachte an Ingo. An seinen Kometen. An seine muskulösen Unterarme.
Ein Rentier, dachte ich, ist die natürliche Antwort auf einen Kometen. Ein Komet ist nur ein Klumpen Eis im All. Ein Rentier ist ein Säugetier. Es hat Charakter.
Ich wuchtete das Rentier in meinen Einkaufswagen. Das Acryl-Geweih ragte bedrohlich über den Griff hinaus und verhakte sich fast im Regal für Abdeckplanen.
Aber konnte das Rentier allein auf dem Rasen stehen? Nein. Ein einzelnes Rentier im Vorgarten wirkt verloren. Es wirkt wie ein Rentier, das den Anschluss an die Herde verpasst hat, weil es ein Alkoholproblem hat. Ein Rentier braucht Kontext. Es braucht Führung.
Drei Meter weiter stand er: Der Schlitten. Ebenfalls Acryl. Ebenfalls beleuchtet. Passend dazu: Ein dreidimensionaler Weihnachtsmann aus witterungsbeständigem Kunststoff, der die Hand zum Gruß erhoben hatte und dessen Gesichtszüge eine beunruhigende Ähnlichkeit mit einem leicht debilen Schlagersänger aus den späten siebziger Jahren aufwiesen.
Fünfzehn Minuten später stand ich an der Kasse.
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind (Fortsetzung)
Mein Einkaufswagen sah aus wie der Tatort eines Verkehrsunfalls am Nordpol. Ich hatte auf dem Band liegen:
· Das Acryl-Rentier (Modell „Sven“, Kaltweiß)
· Den dazugehörigen Schlitten
· Den winkenden Kunststoff-Greis
Weihnachtsdeko die man auf jeden Fall braucht - wenn man es möchte
· Zwei Rollen Kabelbinder (schwarz, extralang)
· Eine wetterfeste Außen-Kabeltrommel (fünfundzwanzig Meter, IP44)
· Drei funkgesteuerte Außensteckdosen
· Eine Dose Kunstschnee-Spray für die Fenster (obwohl es draußen regnete)
· Und – weil ich im Rausch der Sinne den Verstand endgültig an der Wursttheke abgegeben hatte – einen Laser-Projektor der Schutzklasse 3R. Laut Verpackung war dieses Gerät in der Lage, „bis zu 10.000 bewegliche Lichtpunkte in rot und grün an Ihre Hausfassade zu werfen. Verwandelt jedes Heim in ein funkelndes Winterwunderland!“
Die Kassiererin zog die Artikel über den Scanner. Sie sah müde aus. Sie hatte die Augenringe einer Frau, die seit drei Wochen nichts anderes tut, als Barcodes von künstlichen Tannenzweigen einzulesen.
Piep. Piep. Piep.
„Zweihundertachtundsiebzig Euro und vierzig Cent“, sagte sie, ohne mich anzusehen.
Ich zahlte mit Karte. Ich zuckte nicht mal mit der Wimper. In meinem Kopf lief bereits die Marschmusik der Eroberung. Ingo würde vor Neid in seine Kirschlorbeerhecke beißen.
Die Montage war eine Farce in drei Akten.
Akt eins: Die Entwirrung der Kabel. Es ist ein physikalisches Gesetz, das bislang weder von Newton noch von Einstein hinreichend erklärt werden konnte: Egal wie sorgfältig eine Lichterkette im Vorjahr in ihren Originalkarton gelegt wurde – oder wie frisch sie aus der Fabrik in Shenzhen kommt –, in dem Moment, in dem man sie aus der Packung hebt, zieht sich das Kabel innerhalb von Nanosekunden zu einem gordischen Knoten zusammen, der die Komplexität der menschlichen DNA um ein Vielfaches übersteigt.
Ich stand auf meiner nassen Wiese. Der Nieselregen kroch mir unter den Kragen meiner Jacke. Meine Finger waren klamm und hatten die Beweglichkeit von tiefgekühlten Bockwürstchen angenommen. Ich zerrte an einer Schlaufe. Die Schlaufe verengte sich. Ich zog am Stecker. Der Stecker verkeilte sich im Geweih von Sven dem Rentier. Nach zwanzig Minuten Fluchen auf Ruperti-Niveau war die Kette entwirrt, aber ich hatte mir zwei Fingernägel eingerissen und mein rechtes Knie war mit Schlamm paniert.
Akt zwei: Die Positionierung. Ich platzierte Sven strategisch günstig. Nicht zu nah am Weg, damit die Müllabfuhr ihn am Dienstagmorgen nicht enthauptet, aber nah genug an Ingos Sichtachse, dass er ihn beim Verlassen seines Carports unmöglich übersehen konnte. Dahinter der Schlitten. Darin der Weihnachtsmann.
Akt drei: Die elektrische Infrastruktur. Hier trennt sich der Laie vom Wahnsinnigen. Um vier verschiedene Großverbraucher im Außenbereich mit Strom zu versorgen, braucht man Verteiler. Viele Verteiler. Ich legte Verlängerungskabel durch das Blumenbeet. Ich wickelte Gefrierbeutel mit Paketklebeband um die Steckverbindungen – die klassische Ruhrgebiets-Methode für „Spritzwasserschutz nach VDE-Norm“. Es sah aus, als hätte ich versucht, im Garten eine illegale Meth-Küche zu verkabeln.
Schließlich stellte ich den Laser-Projektor auf. Ein kleiner schwarzer Zylinder auf einem Erdspieß. Ich rammte ihn mit dem Absatz meiner Winterschuhe in den schlammigen Rasen und richtete die Linse auf die Giebelwand meines Hauses.
Es war siebzehn Uhr. Stockdunkel. Der Regen hatte nachgelassen, dafür zog Nebel auf.
Drüben ging bei Ingo die Haustür auf. Ingo trat heraus. Er hatte eine Mülltüte in der Hand. Er schlurfte in Richtung seiner Tonnen. Er sah seinen Kometen an. Er nickte selbstgefällig.
Das war mein Stichwort.
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind (Fortsetzung)
Ich stand am Rand meines Vorgartens, die Funkfernbedienung in der Jackentasche. Ich holte tief Luft. Mein Herz schlug wie nach einem Zehn-Kilometer-Lauf.
Klick.
Was in den folgenden drei Sekunden geschah, lässt sich wissenschaftlich am besten als „lokaler elektromagnetischer Kollaps mit optischer Kernschmelze“ beschreiben.
Zuerst erwachte Sven. Das Acryl-Rentier zündete seine 480 Kaltweiß-Dioden. Es war hell. Sehr hell. Sven leuchtete mit einer solchen Intensität, dass man durch seine transparente Plastikhaut hindurch die inneren Kabelstränge sehen konnte wie die Knochen auf einem Röntgenbild.
Weihnachtsdeko die man auf jeden Fall braucht - wenn man es möchte
Dann ging der Schlitten an.
Dann der Weihnachtsmann.
Und dann zündete der Laser-Projektor.
Ich hatte bei der Montage einen fundamentalen Fehler begangen. Auf der Verpackung des Projektors stand in winziger Schrift: „Empfohlener Projektionsabstand: 5 bis 8 Meter. Vor Inbetriebnahme Ausrichtung prüfen. Nicht in den Strahl blicken.“
Mein Vorgarten ist vier Meter tief.
Der Projektor warf keine sanften, tanzenden Schneeflöckchen an meine Fassade. Der Projektor feuerte eine Salve aus hochkonzentrierten, giftgrünen und blutroten Lichtblitzen ab, die von der weißen Putzwand abprallten wie Querschläger in einem Actionfilm. Es sah nicht nach Winterwunderland aus. Es sah aus, als würde mein Haus gerade von einer außerirdischen Invasionsflotte mit Laserkanonen beschossen, während Sven das Rentier als stummer Zeuge des Untergangs im Vordergrund glühte.
Die Lichtpunkte tanzten nicht. Sie rotierten mit einer Drehzahl, die bei anfälligen Personen innerhalb von Sekundenbruchteilen epileptische Anfälle auslösen musste. Sie zuckten über die Wand, wanderten über das Dach, schossen über die Straße und trafen mit chirurgischer Präzision die Fensterscheiben von Ingos Schlafzimmer.
Drüben auf dem Gehweg erstarrte Ingo.
Die Mülltüte entglitt seinen Fingern und schlug mit einem feuchten Klatschen auf dem Schotter auf. Er hob die Hand an die Augen, um die Netzhaut vor der Strahlung zu schützen. Er blinzelte. Er sah mich an. Er sah Sven an. Er sah die rot-grüne Lasershow an, die mittlerweile den gesamten Wendehammer der Sackgasse in eine illegale Go-Trance-Veranstaltung der späten neunziger Jahre verwandelt hatte.
Ich stand da. Den Finger auf der Fernbedienung. Ich hob das Kinn. Ich lächelte das Lächeln eines Mannes, der weiß, dass er zu weit gegangen ist, der aber bereit ist, diesen Weg bis zum bitteren Ende zu gehen.
„Schönen guten Abend, Ingo!“, rief ich über das Summen der Transformatoren hinweg.
Ingo sagte nichts. Seine Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus. In seinen Augen spiegelten sich die roten Laserpunkte wider wie das Fadenkreuz eines Scharfschützengewehrs. Er stand da wie Lotts Frau nach dem Blick auf Sodom. Dann drehte er sich wortlos um, ging zurück ins Haus und knallte die Tür zu, dass die Scheiben klirrten.
Sieg. Ein glorreicher, unbestreitbarer Triumph über die Physik, den guten Geschmack und die nachbarschaftliche Harmonie.
Ich ging hinein. Ich machte mir ein Bier auf. Ich setzte mich ins Wohnzimmer.
Durch die geschlossenen Rollos drang ein rhythmisches, grün-rotes Flackern. Es war, als würde direkt vor dem Fenster ein Krankenwagen im Dauereinsatz stehen. Aber es war mein Krankenwagen. Es war mein Licht. Diderot hätte mir auf die Schulter geklopft.
Die Rache der Vorstadt ist ein schleichendes Gift. Sie kommt nicht sofort. Sie rüstet auf.
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind (Fortsetzung)
Drei Tage lang herrschte trügerischer Frieden. Mein Haus leuchtete. Die Nachbarn schlichen mit ihren Hunden an meinem Grundstück vorbei, blieben stehen, tuschelten hinter vorgehaltener Hand und zogen die Kapuzen tiefer ins Gesicht. Herr Kowalski von Hausnummer 8 – ein pensionierter Vermessungsingenieur, der jeden Tag mit der Schieblehre kontrolliert, ob die Äste der Nachbarbäume in seinen Luftraum ragen – beschwerte sich bei der Eigentümerversammlung, dass der grüne Laserpunkt auf seiner Wetterfahne die Zugvögel desorientiere. Eine Schwalbe sei bereits verwirrt gegen sein Carport-Dach geflogen. (Dass im November gar keine Schwalben mehr da sind, tat für Kowalski nichts zur Sache. Es ging ums Prinzip.)
Und dann kam der Donnerstag.
Ich kam gegen achtzehn Uhr von der Arbeit. Ich bog mit meinem Wagen in unsere Straße ein – und musste sofort bremsen.
Vor Ingos Haus stand ein Lieferwagen. Ein weißer Sprinter mit der Aufschrift: „Licht & Ton Verleih Ruhr – Wir machen Events unvergesslich!“
Weihnachtsdeko die man auf jeden Fall braucht - wenn man es möchte
Zwei kräftige Männer in schwarzen Kapuzenpullovern luden Traversen aus Aluminium aus dem Laderaum. Traversen! Diese Gitterrohr-Konstruktionen, an denen man bei Rockkonzerten normalerweise die Lautsprecherwände für AC/DC aufhängt.
Ingo stand daneben. Er hatte eine Klemmmappe in der Hand und trug einen gelben Bauarbeiterhelm. Nicht aus Spaß. Er meinte es ernst.
In den folgenden achtundvierzig Stunden verwandelte Ingo sein Grundstück in ein intergalaktisches Raumfahrtzentrum. Der Diderot-Effekt war mutiert. Er hatte das Stadium des zivilisierten Konsums verlassen und war in die Phase der militärischen Eskalation übergetreten.
Ingo hatte nicht einfach aufgerüstet. Ingo hatte eine Generalmobilmachung durchgeführt.
Auf seinem Dach thronte nun nicht mehr nur der Komet. Nein. Ingo hatte eine lebensgroße Krippenszene installieren lassen. Aus Fiberglas. Maria, Josef, das Kind, Ochs, Esel, drei Könige und zwei Hirten. Jede einzelne Figur von innen beleuchtet mit 100-Watt-Halogenstrahlern. Die Heiligen Drei Könige leuchteten in Gold, Myrrhe und Weihrauch – wobei Myrrhe in Ingos Farbpalette verdächtig nach Baustellen-Orange aussah.
Entlang der Dachkante lief ein LED-Laufband, das in einer Endlosschleife die Botschaft durch die Nacht tickerte: +++ FROHES FEST WÜNSCHT FAMILIE SCHNEIDER +++ FRIEDE AUF ERDEN +++ DEN MENSCHEN EIN WOHLGEFALLEN +++.
Und im Vorgarten? Wo früher sein Schotterbeet war?
Dort stand ein aufblasbarer Schneemann. Acht Meter hoch. Ein gigantischer, weißer Polyp aus Fallschirmseide, der von einem permanent jaulenden 230-Volt-Dauergebläse aufrecht gehalten wurde. Wenn der Wind durch die Straße pfiff, schwankte dieser Schneemann wie ein betrunkener Seemann auf Reede und schlug mit seinen riesigen, wattierten Armen gegen Ingos Schlafzimmerfenster. Um den Schneemann herum: zwanzig künstliche Tannenbäume, behängt mit blau blinkenden Eiszapfen-Lichtern, die den Kälte-Effekt simulieren sollten.
Es war kein Vorgarten mehr. Es war der Las Vegas Strip nach einem schweren Reaktorunfall.
Als Ingo das Ensemble am Freitagabend um Punkt neunzehn Uhr zuschaltete, passierten zwei Dinge gleichzeitig:
Erstens: In den Küchenschränken der gesamten Straße begannen die Gläser leise zu vibrieren, weil das Gebläse des Schneemanns eine Resonanzfrequenz erzeugte, die irgendwo zwischen einem startenden Hubschrauber und einem defekten Laubbläser lag.
Zweitens: Die Straßenlaternen der Stadtwerke Dortmund wurden dunkler. Für den Bruchteil einer Sekunde sackte die Netzspannung im gesamten Postleitzahlengebiet ab. Mein eigener Fernseher schaltete kurz auf Standby, fing sich wieder und zeigte danach das Bild nur noch mit einem leichten Grünstich.
Ich trat auf die Straße. Die Helligkeit war atemberaubend. Man brauchte keine Taschenlampe mehr. Man brauchte eine Sonnenbrille mit UV-Schutzfaktor 400. Die Gesichter der versammelten Nachbarn, die schweigend auf den Bürgersteigen standen, waren in ein ungesundes, bläulich-weißes Licht getaucht. Wir sahen alle aus wie Leichen, die frisch aus dem Kühlfach gezogen worden waren.
Ingo stand an seinem Gartenzaun. Er hatte den gelben Helm abgenommen. Er sah mich an. Es war kein triumphierender Blick mehr. Es war der Blick eines Feldherrn, der gerade eine Atombombe gezündet hat und nun feststellt, dass die Druckwelle auch sein eigenes Zelt wegreißen wird.
„Ingo“, sagte ich leise und trat an ihn heran. Das Gebläse des Riesenschneemanns heulte wie eine Flugzeugturbine: WUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUU.
„WAS?!“, brüllte Ingo gegen den Lärm an.
„ICH FRAGTE, OB DU EIGENEN ATOMSTROM BEZIEHST!“, schrie ich zurück.
„SECHSZEHN AMPERE TRÄGE!“, brüllte Ingo stolz. „SEPARAT ABGESICHERT! DER SCHNEEMANN HAT NE EIGENE PHASE!“
„DER SCHNEEMANN MACHT MIR ANGST, INGO! DER SIEHT AUS, ALS WÜRDE ER GLEICH DAS HAUS VON KOWALSKI FRESSEN!“
„DAS IST BESINNLICH!“, schrie Ingo mit feuchter Aussprache. „DAS IST DIE WEIHNACHTSBOTSCHAFT! LICHT IN DER FINSTERNIS!“
In diesem Moment passierte das Unvermeidliche.
Es gibt eine Grenze für alles. Für den menschlichen Verstand. Für die Geduld von Ehefrauen. Und vor allem für die Belastbarkeit von Kupferleitungen in Siedlungsbauten des Jahres 1978.
Es begann mit einem Geruch. Einem feinen, chemischen Aroma, das sich unter den Lärm des Schneemanns mischte. Es roch nach schmorendem PVC, heißem Isolierband und dem bevorstehenden Ruin der Gebäudeversicherung.
Dann gab es ein Geräusch. Kein lautes Knallen. Ein trockenes, sattes FUMP.
Aus Ingos Kellerfenster stieg ein kleines, weißes Rauchwölkchen auf. Es kringelte sich friedlich in die eiskalte Nachtluft wie der Rauch aus dem Schornstein eines Lebkuchenhauses.
Und dann: Stille.
Das Gebläse des Riesenschneemanns erstarb augenblicklich. Der acht Meter hohe Koloss stieß ein langes, zischendes Seufzen aus, als würde ihm die Seele entweichen. Seine Arme erschlafften. Sein massiger Körper knickte in der Mitte ein, faltete sich langsam zusammen und legte sich wie ein nasses Leichentuch über Ingos Kirschlorbeerhecke.
Die Heiligen Drei Könige erloschen. Josef wurde dunkel. Das Jesuskind ging aus. Das LED-Laufband stoppte mitten im Wort bei: +++ DEN MENSCHEN EIN WOHLG... +++
Und mit Ingos Haus erlosch die gesamte Straßenseite. Der Hauptsicherungsautomat des Straßenverteilerkastens hatte beschlossen, dass er für diesen Wahnsinn nicht bezahlt wurde, und war mit wehenden Fahnen in den Streik getreten.
Plötzlich war es dunkel. Stockdunkel.
Das Deko-Wettrüsten im Vorgarten: Flakscheinwerfer für das Christkind (Fortsetzung)
Eine Dunkelheit von biblischem Ausmaß legte sich über die Siedlung. Kein Licht. Keine Straßenlaterne. Kein Fernseher. Nur der Nieselregen, der leise auf den Schotter tropfte.
Und mittendrin, auf meiner Seite der Straße, unberührt von der Katastrophe: Sven.
Sven das Acryl-Rentier.
Sven strahlte einsam mit seinen 480 Kaltweiß-Dioden durch die Schwärze. Sein Licht schnitt durch den Nebel wie ein Skalpell. Neben ihm winkte der Plastik-Weihnachtsmann unermüdlich in die Finsternis, während der Laser-Projektor seine giftgrünen Punkte nun direkt auf Ingos rauchende Hausfassade feuerte.
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Niemand sagte ein Wort.
Man hörte nur das schwere Atmen von Ingo, der im Dunkeln an seinem Gartenzaun stand, und das leise Pling-Pling meines überhitzten Trafos.
Irgendwo in der Nachbarschaft räusperte sich jemand. Dann hörte man die Stimme von Frau Kowalski: „Herbert? Hast du die Kerzen gefunden?“
Ich ging langsam zurück zu meiner Haustür. Ich zog die Fernbedienung aus der Tasche.
Ich sah Sven an. Sven sah mich an. Mit seinen toten, leuchtenden Plastikaugen. Er sah nicht triumphierend aus. Er sah müde aus. Er stand da im Matsch, ein Mahnmal der menschlichen Hybris, ein Mahnmal dafür, was passiert, wenn ein französischer Philosoph des 18. Jahrhunderts auf ein Sonderangebot im Baumarkt trifft.
Ich drückte auf den Knopf.
Klack.
Sven erlosch. Der Laser ging aus. Der Weihnachtsmann versank in der Schwärze.
Endlich war es November. Es war kalt. Es war nass. Es war grau. Es war exakt so, wie es sein sollte.
Ich ging hinein, schloss die Tür ab, ging in die Küche und machte mir im Dunkeln einen neuen Kaffee. Draußen hörte man in der Ferne das Martinshorn eines Einsatzwagens der Stadtwerke.
Ich lehnte mich an die Arbeitsplatte, nahm einen Schluck und dachte an Denis Diderot. Der Mann hatte recht gehabt. Man sollte seinen alten Schlafrock behalten. Und wenn man im November unbedingt Licht braucht, reicht manchmal auch eine einzelne, mickrige Kerze.
Oder man wartet einfach bis Dezember.
Denn da – das wusste ich in diesem Moment mit schauderhafter Gewissheit –, da würde der eigentliche Wahnsinn erst so richtig beginnen.
Lametta auf Halbmast: Vom Überleben zwischen Dominostein-Trauma, Geschenke-Panik und familiärem Fegefeuer
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ab 4,99 €Die Ausgangslage – Warum wir hier sind und wo eigentlich der Notausgang ist
Sie sitzen auf dem Sofa. Vor Ihnen ein Kaltgetränk. Sie sind vierundvierzig. Oder achtundvierzig. Oder zweiundfünfzig. Die Zahl ist eigentlich egal, wichtig ist nur: Die erste Halbzeit ist gepfiffen. Die Ehe ist rum, die Lebensabschnittsgefährtenschaft wurde abgewickelt, die Kinder (sofern vorhanden) finden Sie primär peinlich oder sie riechen neuerdings nach Pubertätsschweiß und billigem Bodyspray. Die Möbel gehören Ihnen, der Bausparvertrag wurde geteilt, die CD-Sammlung auch. (Wobei Sie heimlich froh sind, dass die andere Seite die ganzen "Pur"-Alben mitgenommen hat).
Es ist Sonntagabend. Draußen regnet es. Sie haben Netflix durchgespielt. Und plötzlich sagt Ihnen eine App auf diesem kleinen, leuchtenden Rechteck in Ihrer Hand, dass Ingo, 46, Hobbys: „Motorrad und gute Gespräche“, nur drei Kilometer entfernt ist. Oder Sabine, 45, die auf ihrem Profilbild lachend einen sehr großen Fisch in die Kamera hält und drunterschreibt: „Ich liebe das Leben und guten Wein!“
Da will man doch instinktiv erst mal die Rollläden runtermachen. Den Stecker ziehen. Die Decke über den Kopf ziehen und hoffen, dass Ingo und Sabine einfach vorbeiziehen wie ein leichtes Sommergewitter.
Aber sie ziehen nicht vorbei. Sie sind da. Und Sie sind auch da. Willkommen zurück auf dem Markt.
Lassen Sie uns erst einmal tief durchatmen. Wir müssen das hier rational angehen, sonst werden wir alle wahnsinnig. Die erste Frage, die sich jedem stellt, der nach zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren Beziehung plötzlich wieder alleine in einer Zweizimmerwohnung sitzt und nicht weiß, ob er den Müll heute Abend oder morgen Früh rausbringen soll (Spoiler: Es ist egal, es interessiert niemanden), ist doch: Wie konnte das passieren? Habe ich versagt? Ist mit mir was nicht in Ordnung?
Die Antwort ist: Nein. Sie haben nicht versagt. Sie sind einfach nur ein statistischer Standardwert.
Die Ausgangslage – Warum wir hier sind und wo eigentlich der Notausgang ist (Fortsetzung)
Der Flirt mit dem Statistischen Bundesamt
Ich weiß, nichts tötet die Romantik schneller als die Erwähnung des Statistischen Bundesamtes. Das ist eine Behörde in Wiesbaden, die jetzt nicht unbedingt für ihre ausschweifenden Raves oder spontanen Poesie-Abende bekannt ist. Aber diese Leute machen einen fantastischen Job. Sie zählen Dinge. Hart, unerbittlich und völlig emotionslos. Und was sie uns über die Liebe sagen, ist Balsam für die Seele des frisch Getrennten.
Nehmen wir die nackten Zahlen aus den Jahren 2022 und 2023. Jedes Jahr werden in Deutschland rund 137.000 Ehen geschieden. Das ist keine Randerscheinung, das ist eine mittelschwere Völkerwanderung. Wissen Sie, wann diese Ehen im Durchschnitt geschieden werden? Nach ziemlich genau 15 Jahren. Der berühmte "verflixte siebte Jahr" ist ein Mythos, wahrscheinlich erfunden von Hollywood oder der Grußkartenindustrie. Die Realität ist das "verflixte fünfzehnte Jahr".
Und jetzt kommt das Beste: Das Durchschnittsalter der Männer bei der Scheidung liegt bei knapp 48 Jahren. Das der Frauen bei gut 44 Jahren.
Schauen Sie sich diese Zahlen an. Lassen Sie sie auf sich wirken wie eine sanfte, lauwarme Dusche. Sie sind nicht allein. Da draußen laufen Zehntausende, Hunderttausende von Menschen herum, die exakt an dem Punkt stehen wie Sie. Sie haben studiert oder eine Ausbildung gemacht, sie haben Karrieren aufgebaut, Küchen geplant (eine Belastungsprobe, die meiner Meinung nach in den Ehekurs der katholischen Kirche aufgenommen werden sollte), sie haben vielleicht Kinder großgezogen, Urlaube in Ferienhäusern in Dänemark überlebt – und dann, irgendwann Mitte vierzig, haben sie sich angesehen und gesagt: "War's das jetzt? Ist das der Rest meines Lebens?"
Wir leben in einer Gesellschaft der seriellen Monogamie. Das ist der soziologische Fachbegriff dafür. Das bedeutet nicht, dass wir alle bindungsunfähige Soziopathen sind. Es bedeutet lediglich, dass unsere Lebensspanne schlichtweg zu lang geworden ist, um sie zwingend mit nur einem einzigen Menschen zu verbringen. Als die Ehe erfunden wurde, lag die Lebenserwartung bei ungefähr 35 Jahren. Da war "bis dass der Tod euch scheidet" ein überschaubares Projekt. Da hat man mit 18 geheiratet, mit 25 ein Haus gebaut, und mit Mitte 30 ist man an einem entzündeten Zahn oder einer leichten Grippe gestorben. Da hatte man gar nicht die Zeit, sich darüber aufzuregen, dass der andere beim Kauen komische Geräusche macht oder die Spülmaschine physikalisch inkorrekt einräumt.
Heute werden wir locker 80 oder 90 Jahre alt. Wenn Sie mit 45 geschieden werden, haben Sie noch eine komplette zweite Lebenshälfte vor sich. Statistisch gesehen haben Sie noch so viel Zeit, dass Sie locker noch ein Medizinstudium anfangen, Cello spielen lernen oder eine neue Sprache fließend sprechen könnten. Stattdessen laden wir uns Tinder runter. Aber dazu kommen wir später.
Midlife-Crisis? Nein. Midlife-Evaluation!
Die Gesellschaft hat für das, was Sie gerade durchmachen, ein furchtbares Wort erfunden: Die Midlife-Crisis. Der Begriff stammt ursprünglich von einem kanadischen Psychoanalytiker namens Elliott Jaques, der das in den 1960er Jahren mal aufgeschrieben hat. Das Bild, das wir heute davon haben, ist ein Klischee aus billigen amerikanischen Komödien: Der 50-jährige Mann kauft sich einen roten Porsche, zieht sich eine Lederjacke an, die an ihm aussieht wie eine gepresste Leberwurstpelle, und fängt etwas mit seiner 24-jährigen Fitnesstrainerin an. Die Frau Mitte 40 hingegen brennt nach Indien durch, isst nur noch Chiasamen und sucht ihren Spirit-Animal in einem Aschram.
Vergessen Sie das. Das ist Quatsch. Die moderne Entwicklungspsychologie spricht heute kaum noch von einer "Crisis", sondern viel passender von einer "Midlife-Evaluation". Einer Lebensmitte-Bewertung.
Was passiert da wirklich in unseren Köpfen? Es ist ein zutiefst rationaler, wenn auch oft schmerzhafter Prozess. Irgendwann zwischen 40 und 50 realisiert das menschliche Gehirn etwas Ungeheuerliches: Die Zeit ist endlich. Als wir zwanzig waren, war die Zukunft ein endloser Ozean. Alles war möglich. Wenn ein Job blöd war, haben wir gekündigt. Wenn eine Beziehung nicht passte, haben wir uns getrennt, sind umgezogen und haben neu angefangen. Es war ja genug Zeit da.
Mit Mitte 40 ändert sich die Perspektive. Sie stehen nicht mehr am Anfang des Weges und gucken nach vorne. Sie stehen auf der Mitte des Berges. Sie schauen nach unten und sehen, was Sie schon alles geleistet haben (Hypothek, Bandscheibenvorfall, drei Umzüge). Und dann schauen Sie nach oben und realisieren: Da ist der Gipfel. Und dahinter geht's bergab. Die Sanduhr wurde umgedreht. Ab jetzt rieselt der Sand spürbar.
Diese Erkenntnis der Endlichkeit führt zur großen Evaluation. Wir fangen an, Bilanz zu ziehen. "Ich habe noch ungefähr zwanzig gute, gesunde Jahre vor mir. Will ich die wirklich mit jemandem verbringen, der mir seit acht Jahren nicht mehr richtig zuhört?" "Will ich wirklich jeden Abend schweigend auf demselben Sofa sitzen und 'Tatort' gucken, während die emotionale Distanz zwischen uns so groß ist wie der Mariannengraben?"
Eine Trennung in diesem Alter ist selten das Ergebnis eines spontanen Affekts. Es ist meistens das Resultat einer jahrelangen, stillen Erosion. Es ist das langsame Auseinanderdriften zweier Kontinentalplatten. Und wenn der Bruch dann da ist, ist er zwar erschütternd, aber er ist nicht pathologisch. Er ist ein Zeichen von psychologischer Gesundheit. Es bedeutet, dass Sie noch nicht aufgegeben haben. Dass Sie noch etwas erwarten vom Leben.
Wirtschaftsnobelpreisträger und Glücksforscher (ja, sowas gibt es wirklich) wie David Blanchflower und Andrew Oswald haben in weltweiten Studien herausgefunden, dass die menschliche Lebenszufriedenheit einer U-Kurve folgt. Wir starten extrem glücklich in unseren Zwanzigern. Dann sinkt die Kurve unaufhaltsam ab. Der absolute Tiefpunkt – das Tal der Tränen – wird statistisch in fast allen westlichen Ländern im Alter von 47,2 Jahren erreicht. Hier sind der Stress am größten, die Verantwortung erdrückend und die Zweifel maximal.
Aber dann! Dann passiert das Wunder. Die Kurve geht wieder nach oben. Ab 50 steigt die Lebenszufriedenheit kontinuierlich an und erreicht in unseren späten Sechzigern und Siebzigern oft Werte, die wir zuletzt als Jugendliche hatten.
Das bedeutet für Sie: Wenn Sie gerade Ende vierzig sind und sich auf dem Dating-Markt fühlen wie ein ausrangierter Gebrauchtwagen ohne TÜV – seien Sie unbesorgt. Sie sind gerade im Tal der U-Kurve. Ab jetzt wird es statistisch gesehen nur noch besser. Sie müssen nur durchhalten und nicht gleich beim ersten Date mit Sabine panisch das Land verlassen, weil sie von ihrem Fisch erzählt.
Die Ausgangslage – Warum wir hier sind und wo eigentlich der Notausgang ist (Fortsetzung)
Der thermodynamische Unfug vom "Topf und Deckel"
Wir müssen an dieser Stelle eine Sache ein für alle Mal klären. Einen Mythos zerstören, der uns seit Jahrhunderten von der Romantik-Industrie, von Rosamunde Pilcher und von Disney in die Gehirne gehämmert wird.
Die Idee vom Seelenverwandten. Die Vorstellung, dass wir alle nur "halbe Portionen" sind, die unvollständig durch die Welt irren, bis wir unser "Puzzleteil", unsere "bessere Hälfte", den "Deckel zu unserem Topf" finden.
Ich sag Ihnen, wie es ist: Das ist kompletter, ausgemachter, toxischer Blödsinn. Und es ist die Ursache für ungefähr achtzig Prozent des Leids auf dem Dating-Markt.
Lassen Sie uns das mal rein wissenschaftlich, genauer gesagt physikalisch, betrachten. Das Bild von Topf und Deckel stammt aus der Küche. Was passiert in einem Topf, auf den man einen Deckel legt? Das Ganze wird zu einem geschlossenen thermodynamischen System. Wenn Sie da jetzt Energie zuführen (im echten Leben nennt man das "Alltag", "Stress" oder "Kindererziehung"), fängt das Wasser im Topf an zu kochen. Der Druck steigt. Und weil der Deckel ja perfekt passt und hermetisch abriegelt, kann der Druck nicht entweichen. Was passiert? Das System explodiert Ihnen ins Gesicht, und Sie verbringen den restlichen Sonntag damit, Tomatensoße von den Küchenfliesen zu kratzen.
Eine Beziehung, in der zwei Menschen glauben, sie müssten exakt zusammenpassen, alles gemeinsam machen, die gleichen Gedanken denken und miteinander "verschmelzen", ist ein solches System. Das nennt man in der Psychologie nicht "Seelenverwandtschaft", sondern "Konfluenz" oder schlichtweg symbiotische Verstrickung. Das ist nicht gesund, das erstickt.
Wir sind keine Töpfe. Und wir brauchen keine Deckel. Wenn Sie über 40 sind, sind Sie ein vollständiger Mensch. Sie sind ein in sich geschlossenes, funktionierendes System. Sie haben Ecken, Sie haben Kanten, Sie haben Macken. Sie wissen, wie Sie Ihren Kaffee mögen, Sie haben ein festes politisches Weltbild (oder zumindest eine feste Meinung dazu, wie Leute im Kreisverkehr zu blinken haben), und Sie haben eine Biografie voller Narben und Trophäen.
Sie suchen keine "zweite Hälfte", die Sie vervollständigt. Sie sind ja nicht defekt. Sie sind – um im Haushaltswaren-Bild zu bleiben – eher wie eine gut gebrauchte, sehr hochwertige Tupperdose. Vielleicht ist der Rand ein bisschen verfärbt, weil mal Spaghetti Bolognese drin war, und vielleicht haben Sie einen kleinen Kratzer am Boden. Das ist okay.
Was Sie suchen, ist keine andere halbe Dose. Sie suchen eine andere, komplett eigenständige Tupperdose, die man entspannt neben sich in den Schrank stellen kann. Im Idealfall lassen Sie sich gut stapeln. Das war's. Man existiert nebeneinander, man unterstützt sich, man teilt sich den Raum – aber jeder behält seine eigene Form.
Der Psychoanalytiker Erich Fromm hat das in seinem Meisterwerk "Die Kunst des Liebens" (erschienen 1956, also lange bevor jemand auf die Idee kam, Liebe durch das Nach-rechts-Wischen auf einem Display zu simulieren) wunderbar formuliert. Er sagte sinngemäß: Unreife Liebe sagt: "Ich liebe dich, weil ich dich brauche." Reife Liebe sagt: "Ich brauche dich, weil ich dich liebe."
Das ist der feine Unterschied. Wenn Sie mit Anfang 20 daten, suchen Sie jemanden, den Sie brauchen. Jemanden, der mit Ihnen die Miete teilt, der mit Ihnen ein Nest baut, der Ihre Unsicherheiten kompensiert. Wenn Sie mit 45 daten, brauchen Sie eigentlich niemanden mehr zum reinen Überleben. Sie können Ihre Miete selbst zahlen, Sie haben gelernt, einen Ikea-Schrank allein mit einem Inbusschlüssel und purer Willenskraft aufzubauen. Sie daten aus dem reinen, unschuldigen Luxus heraus, dass das Leben zu zweit manchmal einfach netter ist. Jemand, der einem den Rücken eincremt, den man selber nicht erreicht. Jemand, der einem beim Kochen ein Glas Wein einschenkt. Jemand, der da ist. Freiwillig. Nicht aus Bedürftigkeit.
Die Ausgangslage – Warum wir hier sind und wo eigentlich der Notausgang ist (Fortsetzung)
Der Schock der Fleischtheke
Und mit dieser neuen, gereiften, entspannten Einstellung setzen Sie sich also wieder aufs Sofa, nehmen Ihr Kaltgetränk und beschließen: "Gut. Ich bin bereit. Ich trete wieder in Kontakt mit der Menschheit."
Früher, in den 90ern oder frühen 2000ern, war das relativ simpel. Man ging auf eine Party, man ging in eine Kneipe, man stand im Supermarkt an der Kasse. Man hat jemandem in die Augen geschaut, ein bisschen dümmlich gelächelt, und wenn der andere nicht weggelaufen ist, hat man ihn auf einen schlechten Filterkaffee eingeladen. Es war organisch. Es war langsam.
Heute existiert dieser analoge Zufall kaum noch. Heute findet die Anbahnung zu einem überwältigenden Teil digital statt. Und hier beginnt das eigentliche Problem, mit dem unser Gehirn, evolutionär gesehen ein rudimentärer Klumpen aus der Steinzeit, völlig überfordert ist.
Sie laden sich diese Apps herunter. Sie müssen ein Profil anlegen. Das allein ist schon ein Akt der Selbstverstümmelung. Wie fasst man vier Jahrzehnte Lebenserfahrung, komplexe Emotionen, einen morbiden Sinn für Humor und die Tatsache, dass man eine Schwäche für dänische Lakritze hat, in dreihundert Zeichen zusammen? Gar nicht. Sie reduzieren sich auf Stichworte. "Reisen, Lachen, Freunde treffen." Das schreibt wirklich jeder Zweite da rein. Als gäbe es eine relevante Gegenbewegung von Menschen, die in ihr Profil schreiben: "Zu Hause bleiben, Weinen, Feinde meiden."
Und dann öffnen Sie die App. Und plötzlich öffnet sich das digitale Schaufenster. Die Fleischtheke. Dutzende, Hunderte Gesichter prasseln auf Sie ein. Sie wischen. Links. Rechts. Nein, der guckt komisch. Nein, die hat ein Pferd im Profilbild, ich habe eine Pferdehaar-Allergie. Nein, der steht vor einem geleasten Porsche, der hat bestimmt ein unaufgearbeitetes Mutter-Thema.
Das Gehirn, das darauf trainiert ist, in einer überschaubaren Sippe von 150 Menschen komplexe soziale Bindungen einzugehen, erleidet einen sofortigen Kurzschluss. Die Psychologie nennt das "Choice Overload" – die Überlastung durch zu viel Auswahl. Aber das ist ein Thema, das wir uns in 3 Wochen noch ganz genau, fast schon forensisch, ansehen werden.
Für den Moment, hier und jetzt, reicht es, wenn Sie Folgendes festhalten: Die Ausgangslage ist nicht so katastrophal, wie sie sich anfühlt. Dass Sie hier sind, wieder Single, wieder auf der Suche, ist kein Bug in Ihrer Biografie. Es ist ein Feature der modernen Gesellschaft. Die Demografie ist auf Ihrer Seite, die Entwicklungspsychologie klopft Ihnen auf die Schulter und flüstert Ihnen zu: "Alles wird gut, die U-Kurve geht bald wieder hoch", und thermodynamisch gesehen sind Sie eine völlig intakte Tupperdose, die einfach nur jemanden sucht, der sich anständig im Schrank neben sie stellt.
Wir müssen nur lernen, wie wir mit diesem ganzen neuen Werkzeugkasten umgehen, ohne uns dabei die Finger abzuklemmen. Wir müssen verstehen, was da biologisch in uns abläuft. Denn – und das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis, bevor wir in die Materie einsteigen – unser Körper reagiert auf diesen ganzen Dating-Wahnsinn nicht rational. Er reagiert chemisch.
Aber das, meine sehr verehrten Damen und Herren, das klären wir in aller Ruhe im nächsten Kapitel. Wenn wir uns die Biologie der Balz ansehen. Und warum Verlieben mit 40 sich anfühlt, als würde man versuchen, mit einem rostigen Schlüssel einen Safe voller Hormone zu öffnen.
Trinken Sie aus. Wir haben noch einiges vor uns.
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ab 3,99 €Evolution für Anfänger (Vom Jäger zum Sitzer)
Guten Tag. Passen Sie auf, die Sache ist die: Wenn man sich unsere Spezies mal so ganz objektiv von außen ansieht – quasi aus der Perspektive eines sehr verwirrten Außerirdischen –, dann muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass bei uns evolutionär irgendetwas furchtbar aus dem Ruder gelaufen ist.
Wir stammen von Leuten ab, die den ganzen Tag hinter Mammuts hergerannt sind. Unsere Vorfahren sind barfuß durch die Savanne gepirscht, haben Wurzeln ausgegraben, sind vor Säbelzahntigern auf Bäume geklettert und haben abends am Lagerfeuer noch rituelle Tänze aufgeführt. Der menschliche Körper ist eine absolute Wundermaschine. Er ist gemacht für Ausdauer, für Sprints, für komplexe Bewegungsabläufe. Ein biomechanisches Meisterwerk.
Und heute? Heute ist unser größter körperlicher Triumph, wenn wir mit dem Bürostuhl vom Schreibtisch zum Drucker rollen, ohne mit dem Kabel des Headsets an der Armlehne hängen zu bleiben. Das ist, evolutionär betrachtet, ein ziemlicher Absturz. Wir haben uns den Planeten untertan gemacht, das Rad erfunden, die Relativitätstheorie aufgestellt und das Internet erdacht – nur um all diese Errungenschaften primär dafür zu nutzen, uns noch bequemer den Hintern plattzusitzen.
Der aufrechte Gang – Ein historischer Irrtum?
Erinnern Sie sich an den Biologie-Unterricht? Irgendwann vor ein paar Millionen Jahren dachte sich einer unserer felligen Vorfahren: „Weißt du was? Dieses auf-allen-vieren-Rumkrabbeln geht mir massiv auf den Zeiger. Ich stell mich jetzt mal hin.“ Das war der berühmte aufrechte Gang. Ein Meilenstein! Plötzlich hatten wir die Hände frei, um Werkzeuge zu schnitzen, Feuer zu machen und später dann Daumenkinos zu basteln.
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Die Wirbelsäule hat sich dafür in eine geniale Doppel-S-Form gebogen. Sie fungiert als Stoßdämpfer, der das Gewicht unseres doch recht wuchtigen Schädels elegant abfedert. Jeder Schritt eine kleine Meisterleistung der Physik. Alles an uns schreit: Bewegung! Flucht! Jagd!
Aber dann haben wir die Zivilisation erfunden. Und mit der Zivilisation kam der unbändige, geradezu tragische Wunsch, sich hinzusetzen.
Wir haben den aufrechten Gang entwickelt, nur um ihn sofort wieder abzuschaffen, sobald jemand den Hocker erfunden hatte. Heute verbringen wir unsere Zeit in einer Haltung, die Orthopäden liebevoll „die C-Form“ nennen. Wir sitzen am Schreibtisch wie ein Fragezeichen, das die Hoffnung aufgegeben hat. Der Rücken rund, die Schultern an den Ohren, der Kopf weit nach vorne geschoben, als wollten wir den Text auf dem Monitor mit der Nase einatmen.
🧠 Der innere Polster-Führer "Komm schon. Du hast heute morgen schon den Müll rausgebracht. Deine Kniegelenke haben sich ihren Ruhestand redlich verdient. Lass dich einfach in diesen memoryschaumgefüllten Chefsessel gleiten. Ignorier das Ziehen im unteren Rücken. Nur für fünf Minuten... oder eben bis zur Rente."
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Survival of the Sitzest
Früher, in der guten alten Zeit der Keulen und Höhlen, galt noch das Gesetz des Stärkeren: Survival of the Fittest. Wer am schnellsten weglaufen konnte, durfte seine Gene weitergeben. Wer zu langsam war, wurde zum Snack für die lokale Fauna. Das war hart, aber es hielt das System am Laufen.
Heute leben wir im Zeitalter des Survival of the Sitzest. Der moderne Überlebenskampf findet nicht mehr in der Steppe statt, sondern im Meetingraum C (der ohne Fenster). Wer es schafft, vier Stunden lang unbeweglich einem PowerPoint-Vortrag über "Synergieeffekte im Q3" zuzuhören, ohne dabei ins Koma zu fallen oder laut zu weinen, der hat gewonnen.
Wir haben unseren Körper, diesen hochgezüchteten Ferrari der Natur, genommen und ihn in eine Einzelgarage gesperrt. Und jetzt wundern wir uns, warum die Batterie leer ist und der Motor stottert, wenn wir sonntags mal versuchen, eine Kiste Wasser in den zweiten Stock zu tragen.
Die Metamorphose zum Klappstuhl
Wenn Sie sich hinsetzen, passiert anatomisch eine Katastrophe, die wir uns schönsaufen müssen. Ihr Becken kippt nach hinten. Ihre Wirbelsäule, dieser glorreiche Stoßdämpfer, verliert ihre natürliche Krümmung und wird nach hinten rausgedrückt. Die Bandscheiben – diese kleinen, geleeartigen Puffer zwischen Ihren Wirbeln – werden auf einer Seite gequetscht wie ein Berliner Pfannkuchen, auf den man sich versehentlich draufgesetzt hat. Und das Gelee will raus. Irgendwohin. Oft dorthin, wo Nerven liegen. Das nennt man dann Bandscheibenvorfall. Klingt nach einem spontanen Event, ist aber in Wahrheit ein jahrzehntelang akribisch geplantes Projekt Ihres Bürostuhls.
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Währenddessen verkürzen sich vorne Ihre Hüftbeuger, weil sie nie gestreckt werden. Die Brustmuskulatur zieht sich zusammen, und Ihr Zwerchfell wird eingeklemmt, weshalb Sie im Büro eigentlich nur noch ganz flach atmen. Wie so ein verängstigtes Kaninchen im Gebüsch. Nur eben mit Kaffee-Atem.
Wir formen uns selbst um. Wenn die Evolution noch ein paar Jahrtausende so weitermacht, kommen wir bald schon mit einem eingebauten Rollkreuz und einer stufenlos verstellbaren Lordosenstütze aus dem Mutterleib.
Aber so weit muss es nicht kommen. Wir können rebellieren. Wir können dem Stuhl den Kampf ansagen. Oder zumindest zwischendurch mal aufstehen, um zur Kaffeemaschine zu schlurfen. Das ist zwar noch keine Mammutjagd, aber immerhin ein Anfang. Bleiben Sie stehen. Es geht gerade erst los.
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